Siegfried Lamnek, Jens Lüdtke, Ralf Ottermann: Tatort Familie – Häusliche Gewalt im gesellschaftlichen Kontext
hinzugefügt: 2-11-2009
VS Verlag, 2. Auflage 2006
ISBN-10: 3531151401
ISBN-13: 978-3531151403

Ich würde das Buch von Lamnek/ Lüdtke/ Ottermann gerne in zwei Teile trennen.
Der erste Teil des Buches ist eine Annäherung an das Thema häusliche Gewalt unter Hinzuziehung verschiedener theoretischer Ansätze und vorhandener Studien (z.T. auch selbst erhobenen Daten). Die Herangehensweise ist sehr umfassend, es wird auf die Erscheinungsformen, auf verschiedene Täter-Opfer-Konstellationen und die Verbreitung der häuslichen Gewalt eingegangen. Dieser Teil des Buches bietet einen fundierten begrifflichen, geschichtlichen und theoretischen Rahmen für alle, die sich eingehender mit dem Thema häusliche Gewalt beschäftigen wollen.

Hinter dem zweiten Teil des Buches vermutete ich eigentlich eine objektive Darstellung der gesellschaftlichen Reaktionen auf häusliche Gewalt. Nach dem Lesen dieses Abschnittes hatte ich allerdings eher den Eindruck, hier werden alle bisherigen Erkenntnisse zu häuslicher Gewalt, die u.a. zum Ausbau der Hilfsangebote für die Opfer geführt haben, als Hirngespinst überspannter Feministinnen entlarvt. Es wird die einseitige Rollenverteilung in der Öffentlichkeit, wonach der Mann zum Täter und die Frau zum Opfer generalisiert wird, kritisiert. Gleichzeitig wird aber auch allen Frauen unterstellt, dass sie, die ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente im Schutz vor weiteren Gewalttaten missbrauchen würden. Im übrigen stehen diese Instrumente, seien es zivilrechtliche Maßnahmen oder Beratungsangebote, auch männlichen Opfern zur Verfügung. Es ist auch nicht so, wie die Autoren schreiben, dass diese Instrumentarien dazu führen, dass jede Frau „völlig risikolos und wirksam den störenden Partner loswerden“ kann. In der Praxis sieht die Umsetzung des angesprochenen Gewaltschutzgesetzes sehr viel schwieriger aus und die persönlichen Rechte des Täters werden häufig über den Schutz der Frau und Kinder gestellt.

Meines Erachtens ist es nicht hilfreich im Kampf gegen häusliche Gewalt sich gegeneinander anzugreifen und bestimmten Gruppen ihre Handlungsintention zu unterstellen. Fakt ist, dass häusliche Gewalt ein massives Problem in unserer Gesellschaft ist und sowohl weibliche, wie auch männliche Opfer, hier sind insbesondere nicht die Kinder zu vergessen, Hilfen für einen effektiven Opferschutz brauchen.

Rezension von Dörthe Heien