::bannersozial::bannersozial

Jörg Warras: Noch viel ungenutztes Potenzial

Jörg Warras, SozialarbeitJörg Warras im Gespräch mit Sozialjournal.ch: Der Bremer Diplom-Pädagoge Jörg Warras ist der Mann hinter Info Sozial. Info Sozial beinhaltet SAIN Soziale Arbeit im Internet, SAWI die soziale Suchmaschine, Buch Sozial und Einrichtungen Sozial. Warras betreibt auch ein eigenes Weblog: News Sozial.

Sozialjournal.ch sprach mit Jörg Warras über seine Erfahrungen als Anbieter von Webdiensten für das Sozialwesen. Wo sieht er Potenziale für künftige Entwicklungen? Was interessiert ihn persönlich an der Verbindung zwischen Sozialer Arbeit und Neuen Medien?

Diesem Interview werden weitere folgen. Sozialjournal.ch wird künftig wieder vermehrt Gespräche mit Fachkräften des Sozialwesens publizieren.

Deine Internet-Angebote für die Soziale Arbeit sind bekannt und etabliert. Du bist seit vielen Jahren im Internet vertreten. Was hat dich als Pädagoge dazu bewogen, in dieses “Geschäft” einzusteigen?

Ich habe die erste Webseite zur Sozialen Arbeit Ende 1998 angefangen. Ausschlaggebend war ein Praktikum, bei dem ich eine Webseite gestaltet habe. Webseiten hatte ich zwar schon einige erstellt, aber erst damals kam ich auf die Idee, das Hobby mit dem Studium zu verbinden. Mir ging es darum, möglichst alles, was mir sinnvoll erschien und technisch realisierbar war, für die Soziale Arbeit umzusetzen.

Damals gab es nur wenige Angebote für surfende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Abgesehen davon, waren in der Pre-Google-Zeit fachspezifische Seiten nur umständlich auffindbar. Aus diesem Grund habe ich beispielsweise einen Webkatalog und ein Chat für Soziale Arbeit lanciert. Die Erfahrungen aus diesen Projekten sind dann, nicht ganz uneigennützig, Teil meiner Diplomarbeit geworden. Der Name der Seite war SAIN Soziale Arbeit im InterNet. Während Fakultäten mit technischer Ausrichtung bereits intensiv das Medium nutzten, gab es für das Sozialwesen noch viel zu erschliessen. Das machte den Reiz für mich aus.

Schliesslich bist du auch mit dem Projekt Job Sozial bekannt geworden.

Schlicht aus dem Grund, weil es so etwas damals noch nicht gab und viele meiner Kommilitonen auf Stellensuche waren.

Nach der Diplomarbeit hast du die Projekte weiter entwickelt. Was waren die Gründe dafür?

Da mir die Arbeit an den Webseiten, zeitweise waren es fünf bis sechs Projekte, sehr viel Spass machte, betrieb ich sie nach der Diplomarbeit weiter. Mir macht es einfach Spass, Dinge auszuprobieren und ich werde die Angebote, die heute fast alle bei Info Sozial zusammengefasst sind, auch weiter voran bringen.

Wie bist du zum nötigen Know how gekommen?

Durch ein abgebrochenes Informatikstudium hatte ich erste Kenntnisse in der Erstellung von Webseiten bekommen, so dass ich bei der Realisierung meiner Ideen keine Hilfe benötigte. Während des Pädagogik-Studiums war Soziale Arbeit im Internet kein Thema. Im Hauptstudium wurde das Thema an der Universität Oldenburg erstmals durch mich eingebracht.

Was macht den Erfolg von Internet-Projekten mit Zielbereich Sozialwesen aus?

Sehr gute Frage. Ich denke, dass sich Internet-Projekte aus dem Sozialwesen von kommerziellen Webangeboten unterscheiden. Webseiten sind meiner Meinung nach dann erfolgreich, wenn sie ihre Zielsetzung erfüllen.

Das Sozialwesen bildet eine kleine Zielgruppe. Kann man den Erfolg an der Nutzungsfrequenz messen?

Durch die überschaubare Zahl an Interessentinnen und Interessenten bei Webangeboten für das Sozialwesen kann man Erfolg nur bedingt am Counter messen. Ein Forum, in dem sich 100 Nutzerinnen und Nutzer angeregt austauschen, wäre meiner Meinung nach ein erfolgreiches Projekt. Bei Informationsseiten ist natürlich der Content ausschlaggebend. Besucherinnen und Besucher kommen nur, wenn sie Informationen erhalten, die sie suchen oder die sie als interessant und neu erfahren.

Solche Webangebote bilden im besten Fall auch Communities.

Besonders erfolgreich sind für mich Projekte, bei denen sich Nutzerinnen und Nutzer einbringen, austauschen und mitgestalten. Dieser Community-Gedanke ist im Sozialwesen stark vertreten, was aber nicht heisst, dass es hier leichter wäre, eine Community aufzubauen.

Inwiefern spielt das Design dabei eine zentrale Rolle?

Ein zu professionelles Design kann hier nach meinen Erfahrungen sogar schaden, da viele Besucherinnen und Besucher dann eine Firma oder Institution hinter dem Projekt vermuten. Dadurch wird die Hemmschwelle, sich selbst einzubringen, anscheinend grösser.

Wie hast du persönlich von deinen Webangeboten profitiert?

Interessant finde ich es, dass ich durch die Projekte viele wirklich nette Menschen kennen gelernt habe, die ich sonst nie getroffen hätte. Der von Psychologen beschworenen Vereinsamung durch die Internetnutzung bin ich glücklicherweise nicht erlegen. Ich konnte mich durch das Internet vernetzen. Dies ist ein genereller Vorteil der Internet-Nutzung. Mit wenig Aufwand können sich Institutionen und Personen vernetzen und Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Dies ist vermutlich der Grund, weshalb zahlreiche Webangebote im Sozialwesen gute Akzeptanz finden.

Ich bin überzeugt, dass in Relation zur kleinen Zielgruppe Webprojekte für das Sozialwesen gut funktionieren. Sie beinhalten ein Merkmal, das elementar für Soziale Arbeit ist: Kommunikation. Es liegt hier nahe, ein Kommunikationsmedium zu nutzen, um zu diskutieren, sich zu informieren, auszutauschen und zu beraten.

Stichwort Online-Beratung. Was ist deine Einschätzung zu solchen Angeboten?

Ich war schon 1998 davon überzeugt, dass Online-Beratung eine sinnvolle Ergänzung zu den etablierten Beratungsformen ist. Mit den Hindernissen der kanalreduzierte Kommunikation sind die meisten Menschen, die das Internet nutzen, vertraut, so dass dieses Manko weniger schwer wiegt, als der offensichtliche Vorteil, neue Personengruppen anzusprechen. Viele Zielgruppen der Sozialen Arbeit sind nur schwer durch den etablierten Beratungsangebote mobilisierbar. Ich denke, dass im Bereich Beratung viel mehr möglich wäre, als heute versucht wird.

Nach wie vor entstehen neue Internet-Angebote für das Sozialwesen. Gibt es noch genügend Raum für neue Angebote?

Nach einer gewissen Zeit der Stagnation entstehen wirklich wieder mehr Webseiten. Mich freut das. Dadurch wird deutlich, dass soziale Themen immer aktuell sind und durch die stärkere Verbreitung des Internets in allen Bevölkerungsbereichen an Relevanz gewinnen. Leider gibt es auch sehr viele Webseiten, die schon seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurden. Ich bin der Meinung, dass es noch genügend Raum für neue Angebote gibt, zumal sich viele Seiten thematisch spezialisieren. Die Vielfalt der Sozialen Arbeit lässt ein breites Spektrum zu. Da die meisten nicht vom Betrieb der Webseiten leben müssen, sind die Konkurrenzabsichten eingeschränkt.

Was interessiert dich zurzeit an der Verbindung Internet und Sozialpädogik besonders?

Alles was mit Beratung, Kommunikation und einer Community zu tun hat, finde ich spannend. Die Blogger-Szene beispielsweise fasziniert mich. Dieses Konzept ermöglicht eine ideale Form von Webseiten für das Sozialwesen. Es findet ein Informationsfluss statt und es gibt Diskussion. Die Möglichkeiten der Vernetzung, des Datenimports und Datenexports via RSS sind beeindruckend. Da steckt noch viel ungenutztes Potenzial für das Sozialwesens drin. Auch verspielt wirkende Möglichkeiten, wie das Mobile-Bloggen oder das Video-Bloggen, finden bestimmt irgendwann ihre „seriöse“ Anwendung.

Was sind deine aktuellsten Internet-Vorhaben? Was ist geplant?

Zurzeit habe ich nichts Grosses geplant. Info Sozial enthält alles, was ich machen wollte und will. Mit dem Start des Nachrichten-Blogs war die Seite nach sechs Jahren endlich komplett. Das Nachrichten-Blog würde ich gerne in Zukunft noch verstärken. Dies bedeutet, zusätzliche Quellen für Nachrichten zu erschliessen und auf News Sozial zu bündeln. Es gibt aber natürlich immer Dinge, die ich auf meinen Webseiten ändern oder optimieren möchte.

Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung von Info Sozial. Vielen Dank für das Gespräch.

05.09.2005 http://sozialjournal.ch/