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Gewinner des studentischen Wettbewerbs 'Raum für soziale Experimente - zum Angehen gesellschaftlicher Probleme' gekürt
hinzugefügt am 27-09-2008 von Warras
Der von der Schader-Stiftung, dem Werkbund Baden-Württemberg sowie der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SRL) ausgelobte Wettbewerb "Raum für soziale Experimente - zum Angehen gesellschaftlicher Probleme" richtete sich an Studierende unterschiedlicher Fachdisziplinen. Bis zum 25. August 2008 konnten Arbeiten eingereicht werden, die sich mit gesellschaftlichen Problemen und deren Lösungen befassten. Der räumliche Bezug und Überlegungen zu sozialen, durchaus auch experimentellen Konstellationen waren Anforderungen, denen sich die teilnehmenden Studierenden einzeln oder in Gruppen gestellt haben.

Die Jury setzte sich zusammen aus: Moritz Avenarius, Physiker, Philosoph und Futurist, Mitbegründer von LOMU, Hamburg, Peter Conradi, Architekt, ehem. MdB und Präsident der Bundesarchitektenkammer, Prof. Dr. Tilmann Harlander, Fachgebiet Sozialwissenschaftliche Grundlagen an der Fakultät f. Architektur und Stadtplanung, Universität Stuttgart, Prof. Jean-Baptiste Joly, Akademiedirektor Schloss Solitude, Stuttgart und Prof. Dr. Dieter Läpple, Diplom Volkswirt, Professor für Stadt- und Regionalökonomie HCU Hamburg

Gemäß der Auslobung war für die Jury-Entscheidung relevant, dass die Arbeiten nicht nur über einen Raumbezug verfügen, sondern auch Überlegungen zu den sozialen Prozessen, die in den Räumen stattfinden sollen oder können, enthalten. Darüber hinaus wurde auf die Punkte Innovation, Plausibilität und Modellhaftigkeit abgehoben. Auf dieser Basis wurden fünf Arbeiten als preiswürdig ausgewählt.

Workshop

Die Preisträger werden zu einem zweitägigen Workshop nach Darmstadt eingeladen. Der Workshop wird von Freitag, den 24., bis Samstag, den 25.Oktober 2008, stattfinden. Unter Leitung von Dr. Marta Doehler-Behzadi, Leiterin des Referats Baukultur und städtebaulicher Denkmalschutz des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin, und Peter Conradi, Architekt und ehemaliger Präsident der Bundesarchitektenkammer werden die Wettbewerbsbeiträge weiter diskutiert und bearbeitet. Am Ende des Workshops wird eine gemeinsame (öffentliche) Präsentation der Arbeiten stattfinden.

Öffentliche Präsentation der Arbeiten

Die Arbeiten der Preisträger sowie die Ergebnisse des Workshops werden am 25. Oktober 2008 ab 15 Uhr in den Räumen des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt auf der Mathildenhöhe, Olbrichweg 8-10, in Darmstadt präsentiert. Eine Einladung zu dieser Veranstaltung wird folgen.


Die Preisträger und ihre Arbeiten sind:

Christiane Kornhass, Nicolai Sieber, Bastian Wahler von der Universität Kassel
mit der Arbeit:
Lobeda - ganz weit draußen

Aus der Beurteilung der Jury:
Der Stadtteil Jena-Lobeda ist eine Plattenbaugroßwohnsiedlung aus den 60er und 70er Jahren mit heute ca. 21.600 Einwohnern am Stadtrand von Jena. Zentrale Probleme sehen die Autoren und Autorinnen im negativen Image des Stadtteils, in der aufgrund der Siedlungsstruktur gegebenen Anonymität sowie in der Vielzahl an ungenutzten Freiflächen.
Provokation als Lösungsansatz wird im Beitrag vorgeschlagen:
Auf den ungenutzten Freiflächen Lobedas sollen kreative Aktionen durchgeführt werden, um die Anwohner im ersten Schritt zu provozieren. Beispiele sind die Ausweisung einer Freifläche als Anbaufeld für genmanipulierten Mais oder die Ankündigung für die Umnutzung eines derzeit nicht genutzten ehemaligen Hotels in einen Rotlichtbereich. Diese "sozialen Experimente" sollen zum einen die Anwohner anregen, die bisherigen Brachflächen neu wahrzunehmen. Zum anderen sollen sie animieren, sich aktiv für die Gestaltung der Flächen einzusetzen und "es besser zu machen". Die Aktionen sollen im Ziel die Anwohner zur Identifizierung mit ihrem Stadtteil bewegen und damit im Endeffekt eine Imageaufwertung herbeiführen.
Das Projekt überzeugt zunächst durch seinen experimentellen Charakter und seine frischen Ideen, neue Wege in der Stadterneuerung von Großraumsiedlungen zu gehen.

Diana Martin, Roman Polster, Danuta Ratka und Dieter Stepner von der Universität Kassel
mit der Arbeit
Urbane Spielfelder in Cottbus

Aus der Beurteilung der Jury:
Das Projekt "Urbane Spielfelder" befasst sich mit einem 24 ha großen, innenstadtnahen, weithin brachliegenden Gebiet in Cottbus, das durch Baulücken, unzureichend genutzte Gebäude, Leerstände und vernachlässigte Freiräume negativ auf die Stadt ausstrahlt. Die VerfasserInnen haben richtig erkannt, dass angesichts der für Cottbus prognostizierten zukünftigen Einwohnerverluste in dieser Situation die traditionellen städtebaulichen Instrumente und Maßnahmen nicht mehr greifen. Deshalb schlagen sie einen flexiblen Ansatz vor, der bei niedrigem Kosten- und Planungsaufwand und ohne bauleitplanerische Festlegungen beide Möglichkeiten - weiteres Schrumpfen oder zukünftiges Wachsen - offen hält.
Das Gebiet wird in elf "Spielfelder" aufgeteilt, die durch Bauzäune abgegrenzt und kenntlich gemacht werden. Diese "Spielfelder" werden nicht bestimmten Interessenten oder Investoren angeboten, sondern der gesamten Stadtbürgerschaft mit ihren Gruppen, Vereinen, Verbänden, Institutionen und Initiativen. Dabei ist an temporäre oder dauernde Nutzungen jeglicher Art gedacht - Ausstellungen, Obdachlosennotunterkünfte, experimentelles Wohnen, Künstlerwerkstätten, Universitätsversuchsgelände, Camping, Sport, Kleingewerbe, Handel, Gastronomie u.a.m. Eine grobe Vorsortierung soll allzu gegensätzliche Nutzungen ausschließen. Die "Spielfelder" beziehen die noch vorhandenen Bauten ein und erlauben Abriss oder neue Nutzung des Baubestands. Durch Anschluss der "Spielfelder" an das bestehende Straßennetz ist eine kostengünstige Versorgung möglich. Die Freiflächen zwischen den "Spielfeldern" werden durch 15 m breite "Baumpakete" gegliedert.

Insgesamt ist das Projekt eine interessante und gut durchdachte Alternative zur herkömmlichen Planungsmethode. Die Aussagen zur Freiraumplanung sind von hohem professionellen Niveau.

Nils Jansen von der Hochschule für Technik in Stuttgart
mit der Arbeit
Das fliegende Klassenzimmer

Aus der Beurteilung der Jury:
Mit der poetischen Metapher des "fliegenden Klassenzimmers" wird eine Öffnung des "weltabgewandten Schulsystems" zum Quartier und zur Stadt thematisiert.
Die Schüler sollen zunächst Einblicke in die Vielfalt eines Stadtquartiers erhalten, sie sollen das Quartiers als Lebens-, Wohn- und Arbeitsort unterschiedlicher Menschen, als Ort unterschiedlicher Kulturen entdecken. Durch die künstlerische Interpretation des Alltäglichen, durch "das in Beschlag nehmen" des öffentlichen Raumes und die Interaktion mit den Menschen des Quartiers sollen zivilgesellschaftliche Kompetenzen erworben und eine Akzeptanz fremder Gruppen und Kulturen gelebt werden.
Die Schulen, die - nach Auffassung des Autors - zu sehr auf den reinen Wissenserwerb fokussiert sind, sollen durch diese Experimente "sanft" umgebaut werden. Die informelle und selbst gewählte Lernumgebung soll gestärkt und mit den lokalen Akteuren in Stadt und Quartier sollen aktive Partnerschaften aufgebaut werden. Gleichzeitig sollen die Quartiere in ihrer Eigenschaft als Kommunikationsorte gestärkt und ausgebaut werden.
Dieses Projekt greift eine sehr aktuelle Frage- und Aufgabenstellung auf, die in der internationalen Diskussion über den Zusammenhang von Stadtteil und Schulentwicklung mit den Konzepten der "community learning center" oder den sog. "venster schoolen" thematisiert und diskutiert wird.
Das Projekt ist innovativ und besitzt eine originelle Darstellungsform.

Matthias Müller, Jakob F. Schmid, Uwe Schönherr, Ferdinand Weiß von der HafenCity Universität Hamburg
mit der Arbeit
Null Euro Urbanismus - Ein Katalog von Good Practice Beispielen

Aus der Beurteilung der Jury:
Bei "Null Euro Urbanismus" handelt es sich um ein Studien- und Rechercheprojekt, das sich angesichts der verfestigten strukturellen Finanznot der Kommunen und sinkender Steuerungsfähigkeit mit Möglichkeiten auseinandersetzt, "Stadt auch ohne Geld zu gestalten". Auf der Basis eines kompetenten Nachvollzugs der vorgelagerten Debatten um die kommunale Finanzkrise, "good governance" und "Null-Urbanismus" (Till Braukmann) soll mit der Sammlung von good-practice-Beispielen einerseits ein Anstoß zum Wissenstransfer beispielhafter Ideen, Projekte und Verfahren gegeben, andererseits aber auch ein Beitrag zu einer zivilgesellschaftlich flankierten Flexibilisierung und Modernisierung des Verwaltungshandelns geleistet werden. Der bisher vorliegende, fortlaufend erweiterbare Katalog trägt Projekte zusammen, die kostenneutral bzw. mit einem sehr guten Kosten-Nutzen-Verhältnis temporär oder dauerhaft innovative und qualitativ hochwertige Beiträge zur Aufwertung der Stadt und des Stadtraums leisten. Dabei werden die jeweiligen Akteurskonstellationen präzise beschrieben und Rückschlüsse auf die Übertragbarkeit gezogen. Beispiele sind etwa "Grünpate" (Hamburg), "Beweidungsprojekt Paunsdorf" (Leipzig) oder "Fahrradstation" (Bielefeld). Erfolgreiche Projekte, so die Verfasser, nutzen neue Akteurskonstellationen, entwickeln eine gute "Balance zwischen Verbindlichkeit und

Freiheit" und finden einen pragmatischen, ergebnisorientierten Planungsansatz, der den besonderen jeweiligen kommunalen Bedingungen und planerischen Kontexten Rechnung trägt. Die Jury prämiert mit dem vorliegenden Projekt einen vielversprechenden Recherche- und Wissenstransferansatz, bei dem insbesondere auch die Frage der Übertragbarkeit bzw. der Bindung an spezifische lokale (Erfolgs-)Bedingungen weiter diskutiert und vertieft werden sollte.

Simon Davis und Marleen Michaels von der BTU Cottbus
mit der Arbeit
Happy Go Lucky

Aus der Beurteilung der Jury:
Keine 500 Meter von Berlin-Mitte entfernt stellt die Karl-Marx-Allee eine komplexe soziale Realität dar. Mit alt eingesessenen Einwohnern einerseits und einer neuen Bevölkerungsschicht andererseits, für die das Viertel sehr attraktiv ist, steckt in diesem Gebäudekomplex zu viel Potenzial, als dass man es auf ostalgische Clichés reduzieren könnte. Während an beiden Seiten der Karl-Marx-Allee eine markante Architektur mit klaren Konturen dominiert, ist die Rückseite dieser Gebäude jedoch unscharf definiert: Die Raumbezüge bleiben unklar, zusammenhängende Flächen werden unterbrochen und verlieren dadurch ihre Funktion als öffentliche Plätze.
Happy Go Lucky bietet Lösungen für eine städtebauliche Entwicklung an, die den Stadtteil Karl-Marx-Allee verbessern und für neue Bewohner öffnen sollen, ohne die alt eingesessenen Einwohner zu verdrängen. Durch Eingriffe in das Gebaute und durch eine Neuordnung der Zwischenräume strebt das Projekt eine neue Form des Zusammenlebens an, die zur Bildung eines gemeinsamen Identitätsbewusstseins unter den Bewohnern beitragen soll. Das architektonische Spiel zwischen Öffnungen und Eingrenzungen, zwischen privater, gemeinsamer und öffentlicher Nutzung beschreibt das Projekt anhand eines Systems, das auf den Unterschied zwischen "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" basiert.
Die Jury fand, dass das Projekt Happy Go Lucky die komplexe Situation im Stadtteil Karl-Marx-Allee zutreffend beschreibt und analysiert und dass die vielen einzelnen infrastrukturellen Maßnahmen zur Gestaltung eines gemeinsamen Lebens plausibel dargestellt und innovativ sind. Auch die Gestaltung einer Nord-Süd Querachse zur Karl-Marx-Allee fand die Zustimmung der Jury.

Weitere Informationen:
http://www.srl.de
http://www.deutscher-werkbund.de/dwbbw.html