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Trialog in der Psychiatrie: Platz genommen! Betreuung muss mit an den Tisch!
hinzugefügt am 16-12-2013 von Melzer
Unter der Überschrift „Betreuung muss mit an den Tisch“ lud die Hamburger Landesgruppe des Bundesverbands der Berufsbetreuer/innen gemeinsam mit dem Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker im November zur Fachtagung in den Kuppelsaal des Bürgerhauses Altona Nord. Diskutiert wurde über die künftige Ausrichtung des „Trialogs in der Psychiatrie“ im Blick auf die Rolle der Betreuer/innen.

Der "Trialog" steht für eine gleichberechtigte Kommunikationskultur auf Augenhöhe zwischen Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen psychisch kranker Menschen und professionellen Mitarbeiter/innen in allen psychiatrischen Handlungsfeldern, wie Medizinern, Verfahrenspflegern und Betreuer/innen.

Die BdB-Landesgruppe Hamburg will ihren Beitrag dazu leisten, dass die aktuellen Strukturen in den psychiatrischen Abteilungen der Hamburger Kliniken überprüft und weiterentwickelt werden, damit das trialogische Gespräch künftig zur Regel wird. „Momentan stehen Patient/innen mit ihren Ärzten im Dialog“, so Catharina Meier, BdB-Landesvorsitzende, über die heute gängige Praxis, „manchmal erkämpfen sich engagierte Angehörige einen Platz am Tisch. Betreuer/innen hingegen sind an diesem Tisch regelhaft kaum zu finden. Die Krankenhäuser haben uns oft schlicht nicht auf dem Schirm. Viele Ärzte sehen Betreuer/innen oftmals lediglich als Erfüllungsgehilfen für die Legitimation von Zwangsmaßnahmen an. Wunsch und Wille des Betroffenen spielen eine nachgeordnete Rolle. Das Know-how der Betreuer/innen ist dabei nicht gefragt.“

Das wollen Meier und ihre Mitstreiterin, Vorstandsmitglied Beate Christians, ändern: „Wir wollen unseren Platz im Trialog einnehmen. Wir möchten mit Klienten/innen, mit deren Angehörigen, Ärztinnen, Sozialdienst und Eingliederungsanbietern in einen guten Kontakt eintreten, um immer knapper werdende Ressourcen effektiv einzusetzen, damit eine Krankenhausbehandlung zu einem optimalen Erfolg und einer im besten Falle neuen Perspektive führen kann.“

Menschen mit psychischer Erkrankung haben ein Recht auf einen qualifizierten und wertschätzenden Umgang, so die BdB-Vertreterinnen. „Sie haben ein Recht auf vertrauensvolle Beziehungen und auf einen beschützten Raum, indem sie ihre Krisen durchleben und sich sicher fühlen können. Und sie haben einen Anspruch auf die Bereitschaft und die Offenheit aller Beteiligten, damit eine einvernehmliche und nachhaltige Problemlösung gemeinsam und auf Augenhöhe stattfinden kann.“

Initiiert wurde der Trialog bereits in den 1980er Jahren. Prof. Dr. Thomas Bock brach damals mit der Dominanz medizinischen Fachwissens, indem er das Know-How psychiatrie-erfahrener Menschen anerkannte und in seine Arbeit einbezog. Den Trialog versteht er als „besonderen Sprachraum“, in dem sich die Beteiligten als Experten auf Augenhöhe begegnen.

Der Trialog ist keine therapeutische Methode, sondern eine Form der Beteiligungskultur, die zu wechselseitiger Fortbildung führt und dem Abbau von Vorurteilen dient. Subjektive Perspektiven werden ausgetauscht, mit dem Ziel ein offenes Verständnis zu erreichen. Im gelungenen Trialog entwickelt sich eine gemeinsame Sprache, die Bock als „herrschaftsfreien Diskurs“ verstanden wissen will. Zum Wohl des psychisch Kranken. Im psychiatrischen Alltag führt der Trialog zu einer signifikanten Reduktion von Zwangsmaßnahmen.

In seinem Vortrag sprach Bock über die Rolle der rechtlichen Betreuung im Trialog. Professionelle Betreuung habe das Ziel, Voraussetzungen für einen Dialog auf Augenhöhe zu schaffen, so seine These. Entscheidend sei, so Bock, ob sich der „rechtliche Betreuer als „Zuführdienst der Psychiatrie“ oder als „rechtlicher Schutz des Patienten versteht“.

Betreuer/innen stehen an der Seite ihrer Klienten/innen. Ihre Aufgabe ist es, Wunsch und Wille des psychisch Kranken zu ermitteln und für ihn durchzusetzen. Gerade durch den Aufgabenkreis Gesundheitssorge in Verbindung mit der Aufenthaltsbestimmung tragen Betreuer/innen eine hohe Verantwortung, so Meier: „Unsere Aufgabe ist es, eine gesundheitsfördernde Versorgung für unsere Klient/ innen sicherzustellen.“ Als Teil des Trialogs können Betreuer/innen dazu beitragen, Aufenthalte im Krankenhaus-Akutbereich zu reduzieren, Zwangsmaßnamen zu vermeiden, Drehtüreffekte zu unterbrechen und schließlich auch Kosten und Zeit einzusparen.

Der Landesverband Hamburg der Angehörigen psychisch Kranker und die Landesgruppe des Bundesverbandes der Berufsbetreuer/innen haben eine gemeinsame Erklärung verabschiedet, die die künftige Zusammenarbeit von Angehörigen und Betreuer/innen beschreibt. Viele Familien mit psychisch erkrankten Familienmitgliedern unterstützen ihre erkrankten Angehörigen, oft unter erheblichen eigenen Mühen.

Angehörige wünschen sich, dass die Betreuer/ innen einen Beitrag zum langfristigen Erhalt der familiären Bindungen leisten. So soll dem Erkrankten langfristig die Unterstützung seiner Familie gesichert werden. Ein Kontrakt unter den Beteiligten, in dem sich alle über den Umgang miteinander verständigen, ist die Basis für eine gute Zusammenarbeit zwischen Klienten, Angehörigen und Betreuer/innen.

Der Landesverband der Angehörigen und die BdB-Landesgruppe gehen nun auf die Verantwortlichen in den Hamburger Psychiatrien zu, um gemeinsam die bestehenden Leitlinien weiterzuentwickeln. Ein weiteres Ziel ist es, Vereinbarungen zu treffen, damit diese Leitlinien Zug um Zug in Form von Verfahrensschritten in die jeweils konkreten Prozessbeschreibungen der Krankenhäuser eingearbeitet werden.

Wunsch und Wille der betreuten Menschen sind für Betreuer/innen handlungsweisend. Betreuer erbringen eine soziale Dienstleistung, die Betroffenen ermöglicht, ihre Leben nach eigenen Maßstäben zu gestalten. Unterstützung bei der Willenserkundung und Entscheidungsfindung, Unterstützung bei der Kommunikation individueller Präferenzen und Entscheidungen gegenüber Dritten, Unterstützung bei der Hilfe- und Zielplanung sowie Auswahl und Koordination geeigneter Maßnahmen erfordern Kompetenzen in der Beratung, in der Sozialdiagnostik und im sozialen Management.

Betreuung, so die gemeinsame Auffassung des Landesverbands der Angehörigen und der Hamburger Landesgruppe des BdB, ist Menschenrechtsarbeit.

Pressekontakt:
Bettina Melzer, nic communication & consulting GmbH
Danckelmannstraße 9b,14059 Berlin, Tel: 030 – 30 30 630, email: bm@niccc.de