Meine Familie ist arm - Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen
hinzugefügt: 1-04-2010
Von Karl August Chassé, Margherita Zander und Konstanze Rasch
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 4. Auflage erschienen im März 2010,
352 Seiten. Broschur. EUR 39,95
ISBN 978-3-531-17214-9

Autoren
Prof. Dr. Karl August Chassé lehrt am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Jena. Berufungsgebiet: Sozialarbeit, Sozialpädagogik.
Prof. Dr. Margherita Zander lehrt am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster Lehr- und Forschungsgebiet: Politikwissenschaft Sozialpolitik - Kinderarmut - Migration - Rechtsextremismus - Gender.
Dr. Konstanze Rasch war Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Jena.

Entstehungshintergrund des Buches
Dieses Buch hat bereits verschiedene Buch-Vorgänger in den Jahren 2003, 2005 und 2007, jeweils mit dem selben Autorenteam.
Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Fachbereichs Sozialwesen an der Fachhochschule Jena ist das erste Buch "Meine Familie ist arm" entstanden. Im Zeitraum von 1997 bis 2000 wurden durch Prof. Dr. Karl August Chassé und seine Mitarbeiter qualitative Interviews mit Eltern und Kindern durchgeführt. Daraus entstanden 14 Fallstudien über Kinder und ihre Familien, welche in Armutsverhältnissen leben. Mit dem selben Titel und der selben Struktur sind dann drei weitere Auflagen - zuletzt 4. Auflage 2010 - vertiefend entstanden

Verlagsangaben im Klappentext
Im Buch - 2010 - wird aus Schilderungen von Kindern deutlich, wie sie sich, ihre Familie, ihr Umfeld unter Armutsbedingungen sehen. Eine einzigartige Analyse der verheerenden, vielschichtigen Auswirkungen von Armut auf Kinder. Das Buch liefert die Ergebnisse einer qualitativen Studie, die die Lebenslage von Kindern im Grundschulalter aus der Perspektive der Kinder untersucht. Es handelt sich um eine der ersten Studien, die auf Eigenaussagen der Kinder basiert. Insgesamt zeigt sich, dass die Prozesse zunehmender Benachteiligung und des mehrdimensionalen Ausschlusses von Kindern eine theoretische, empirische und konzeptuelle Herausforderung für die Soziale Arbeit darstellen. Es wird vor allem das bislang unzureichende Instrumentarium der Kinder- und Jugendhilfe deutlich. Im Ergebnis diskutiert das Buch Vorschläge für eine konzeptionelle Umorientierung der Jugendhilfe, womit ein nachvollziehbarer Transfer der Ergebnisse in den Bereich der sozialpädagogischen, erzieherischen und bildungsrelevanten Berufe erfolgt.

Inhaltverzeichnis
Die Buchgliederung erfolgt in 6 Kapitel:
1.Armut in der Bundesrepublik
2.Kinderarmut als Forschungsthema
3.Kinder in armen Familien
4.Kinderleben in Armutslagen - Ergebnisse einer empirischen Studie
5.Lebenslagen und Bewältigungsstrategien - Typologie und Theorie
6.Sozialpädagogische Konsequenzen

Alle Kapitel enthalten Unterteilungen in unterschiedlicher Länge mit wiederum ausgiebigen Differenzierungen. Den größten Umfang haben die Ausführungen zu 4 (Kinderleben in Armutslagen) und 5 (Lebenslagen und Bewältigungsstrategien).
Die allgemeine Einführung ist kurz gehalten, ebenso die Beschreibung der Kinderforschung als Forschungsthema.
Die sozialpädagogischen Konsequenzen nehmen 22 Seiten ein.

Dieses ausdifferenzierte Inhaltsverzeichnis ist eine hilfreiche Darreichung. Es hilft dem Leser, der das Buch auch mal nur „durchblättert“ und bei für ihn interessanten Seiten „Stehen“ bleiben will.
Bei den Interviews (ab S. 72) sind „Minigrafiken“ vorangestellt, die die Familienkonstellationen zeigen. Ein - zugegeben - etwas witzig anmutendendes Bild vor den Interviews. Es hilft aber den Leser sich sofort (wichtig) in die Zusammenstellung der interviewten Personen einzufinden. Dieses „Präsentieren fängt den Leser“ ein und ist offenbar gewollter Ausdruck des gesamten Buches: Auch an anderen Stellen (wichtige Ergebniszusammenfassungen S. 171; 241; S. 211;) wird diese Art einer Präsentationsweise gewählt.
Die Interviews werden knapp und Präzise formuliert. Die Formulierungen vermitteln ein nachvollziehbares Bild von Personen und Örtlichkeiten.

Inhalt
Im Rahmen eines weiteren (die erste 1997 bis 2000) verlängerten Forschungsprojektes der Fachhochschule Jena (Fachbereich Sozialwesen) ist das Buch "Meine Familie ist arm - Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen " entstanden.
Diese Studie in Ostdeutschland ergab, dass sich Auswirkungen von Armut bei Kindern sowohl in der familiären Alltagsgestaltung als auch in der gesellschaftlichen Teilhabe zeigten. Wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, so haben doch alle Kinder Einschränkungen ihrer Handlungsspielräume, die überwiegend auf die Lebenslage der Familie zurückzuführen sind.
Dies zeigt sich beispielsweise bei der Ernährung: „Es werden Nahrungsmittel mit niedrigen Preis gekauft oder wirtschaftliche Güter, die niedrige Kosten haben. Geldmangel und Verzicht (Mahlzeiten) sind an der Tagesordnung“.
Auch negative Auswirkungen auf die Zukunftschancen zeichnen sich in der Schule ab.

Zielgruppe
Das Buch gestaltet sich als Arbeits- und Studienbuch für SoziologInnen, ErziehungswissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen, besonders auch für Studierende,
die für ihr Berufsstart eine fundierte fachlich-theoretische Vorbereitung erhalten wollen.
Es ist auch Leitungs- und Führungskräften in „Amt und Würden“ gern zu empfehlen.

Fazit
Mit den Ergebnissen der Forschungstätigkeit machen die Autoren weiterhin ( 4. Auflage!) auf diese Problematik aufmerksam. Hierbei scheint es, dass sie den „Druck“ auf die Fachwelt erhöhen wollen, weil die Forschungsergebnisse bislang unzureichende Aufmerksamkeit für das Problem erhalten. Hilfen zur Erziehung aus der öffentlichen Jugendhilfe erreichen die benachteiligten Kinder anscheinend kaum. Schule, Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und die Kinder- und Jugendhilfe verbessern die soziale Situation des Kindes nicht entscheidend.
Es muß „Hier und Jetzt“ (S. 322) gefördert werden. Der erhobene Zeigefinger der Autoren ist -richtigerweise - „sichtbar“.
Die sozialpädagogischen Konsequenzen nehmen leider nur 22 Seiten ein und hätten zu Handlungsempfehlungen präsentiert werden sollen (z. B. Die Einfluss- und Kooperationsmöglichkeiten von Jugendhilfe auf und mit Schule müssten ausgebaut werden (S. 326, 4.letzte Zeile).

Die Autoren bereichern mit diesem Buch das fachliche Wissen erheblich. Die Beiträge erfüllen die Erwartungen an Titel und Untertitel des Buches.
Der inhaltliche Aufbau ist folgerichtig und nach vollziehbar. Man wird es in mehreren Etappen lesen/bearbeiten müssen.

Das Preis-/Leistungsverhältnis ist stimmig.

Rezensent: Dipl.-Sozialarbeiter Peter Habura, Grevenbroich
Mail: jupehabura@aol.com
Fachjournalist DFJV Berlin

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