Anja Kraus (Hrsg.): Körperlichkeit in der Schule - Aktuelle Körperdiskurse und ihre Empirie I
hinzugefügt: 26-10-2008
1. Auflage 2008, 188 Seiten m. 12 Abb., Format 21 x 14 cm, Broschur, 19,50 Euro, 34,00 sFr

ISBN 978-3-89896-340-4


Der erste Band der geplanten Reihe Körperlichkeit in der Schule – Aktuelle Körperdiskurse und ihre Empirie thematisiert in disziplinübergreifenden Beiträgen den anthropologisch-phänomenologischen Körperdiskurs der Erziehungswissenschaft und gibt Anregungen für Schule und Unterricht.

Mareike Layer nimmt im ersten Beitrag des Buches, der die freie musikalische Improvisation im schulischen und unterrichtlichen Kontext thematisiert, Martin Bubers Theorie der Begegnung zum Ausgangspunkt. In Bubers Philosophie wird das Ich-Du-Prinzip zum anthropologischen Prinzip erhoben, der Mensch wird zum Mensch in der Auseinandersetzung mit dem Anderen. Layer macht deutlich, dass der dialogische Ansatz Bubers als alleiniger Interpretationsansatz für Begegnungen in der Improvisation zwar bedeutsam ist, doch zu kurz greifen muss, da der Bezug zum Leib-Körper von Buber nicht ausreichend thematisiert wird. Sowohl für die Improvisierenden als auch für die Zuhörerenden wird der Leib zum Ort der Begegnung. Musikerleben ist stets sinnliches Erleben, der Zuhörende sieht, hört, assoziiert, fühlt. Das Hörbare, das Sichtbare und das Nichtsichtbare werden im Prozess des Zuhörens bedeutungsvoll.

Der Beitrag von Robert B. Faux, der an der School of Education an der University in Pittsburgh lehrt, schließt inhaltlich an den ersten Beitrag an, indem er die Frage nach einem „authentischen Unterrichten und Lernen“ stellt und konzeptionell beantworten möchte. Leicht zu klären ist, was ein „nichtauthentisches Unterrichten und Lernen“ ausmacht: Ein Unterricht, in dem von einer homogenen Lerngruppe ausgegangen wird, die im Gleichschritt Etappe für Etappe das vom Lehrer angebotene Lernpensum abarbeitet.

Eine Schul- und Unterrichtskultur hat stets auch die Körperlichkeit von Schüler/innen und Lehrer/innen zum Bezugspunkt. Gerade eine „authentische Unterrichtskultur“ verneint jeden Objektcharakter, sieht vielmehr die Schüler als handelnde individuelle Wesen mit eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen an. Eine „authentische Erziehung“ führt, um es mit den Worten Heideggers zu sagen, „zu uns selbst zurück, zu dem Ort, an dem wir uns bereits befinden“. Dazu braucht es neben der physischen, eine kognitive wie emotionale Präsenz und eine Empfänglichkeit für innere und äußere Realitäten.

Cornelie Dietrich charakterisiert in ihrem Beitrag des Buches die „leibgebundene Materialität der Sprache im Sprechen“ und analysiert anhand von Praxisbeispielen deren Umsetzung im Unterricht im Hinblick auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit.

Im Rahmen einer empirischen Studie belegt Dietrich die These der Doppelstruktur der Sprache/des Sprechens als gleichzeitig leibliche und abstrakte soziale Tätigkeit, „[d]ie mikrologische Analyse von Sprechgesten hat gezeigt, dass die Körperlichkeit der Sprache und des Sprechens in der Schule eigene Wirkungskreise hervorbringt.“ (Dietrich, S.121) Ein Lehrer ist stets Teil der Schulöffentlichkeit und agiert innerhalb eines institutionellen Rahmens. Die „Macht durch Sprache“ wird in Bildungsinstitutionen besonders wirksam, umso wichtiger ist es, bereits in der Lehrerausbildung die Bedeutung der sprachlichen, nicht nur der inhaltlichen Vermittlung in Unterrichtsprozessen zu thematisieren, um die angehenden Lehrer sowohl für das eigene Sprachverhalten im Unterricht, als auch dafür zu sensibilisieren, dass jede Schulform, jede Schule und jede Klasse eine jeweils spezifische Sprechkultur ausbildet.

Die Finnin Anna-Lena Ostern beschreibt im vierten Beitrag des Buches am Beispiel des Playback Theaters die Bedeutung körperlicher Transformationsprozesse. Es handelt sich hierbei um Lernprozesse, die den eigenen Körper mit seinem Respons-Verhalten sowie den fremden Körper der Darsteller zum Bezugspunkt haben. Im Playback Theater findet stets „eine Kommunikation von Körper zu Körper statt“. Transformationen können in der Darstellung und Vorführung der Szene durch Schauspieler als Stellvertreter erfolgen, aber auch im „Zuge der Ergriffenheit der Zuschauer“ (Ostern, S.141). Lerneffekte im Rahmen der ästhetischen Bildung lassen sich auf der fachlich-methodischen wie auf der personalen und sozialen Ebene konstatieren. Wenngleich das schulische Arrangement „sinnes- und erlebnisbasierter Erfahrungen“ aufwändig erscheinen mag, lohnt sich der zeitliche und organisatorische Aufwand mit dem Ziel einer umfassenden körperbasierten, Kompetenzentwicklung, auch wenn diese, zumindest mit quantitativen Evaluationsverfahren, schwerer messbar sein sollte.

Der Begriff der Aufmerksamkeit, der von der Herausgeberin Anja Kraus kritisch reflektiert wird, wird in neuren Debatten zu Schule und Unterricht geradezu inflationär gebraucht, eine Reizüberflutung durch Konsumorientierung und zunehmenden Medienkonsum wird dort gleichsam konstatiert wie angeprangert. Für Kraus kann „das Aufmerksamkeitsgeschehen als die phänomenale Seite“ der in den neuen Bildungsplänen der Schulen thematisierten Kompetenzen ausgelegt werden. Anknüpfend an die Leibphänomenologie ließe sich eine umfassende Kompetenzentwicklung durch Methoden einer „künstlerischen Forschung“ sowie durch Themen im Unterricht, die anhand verschiedener Aufmerksamkeitsprofile erarbeitet werden könnten, erreichen. Aufmerksamkeit im Sinne einer phänomenologischen Betrachtung verlässt damit den herkömmlichen Bezugsrahmen. Anknüpfend an Edmund Husserl bzw. seinen Schüler Martin Heidegger wird Aufmerksamkeit explikativ und im Sinne eines Aufmerksamkeitssinnes verstanden. Im Rahmen der Leibphänomenologie wird Aufmerksamkeit zu einem „Ereignis“ oder „Geschehen“, zu einem „leiblichen Wissen“. Es handelt sich um „leibliche Praktiken“, die nur teilweise durch das Bewusstsein bestimmbar und normativ reguliert werden können.

Der Aufbau des Buches ist von der Herausgeberin passend gewählt, jeder Aufsatz kann für sich stehen, doch erst das Buch als Ganzes gibt durch seine interdisziplinäre Betrachtung einen notwendigen mehrperspektivischen Überblick über den aktuellen Körperdiskurs. Der zweite Band zur Körperlichkeit in der Schule wird 2009 erscheinen.

Rezension von Dr. Anja Seifert