Müller, C. Wolfgang - Helfen und Erziehen
hinzugefügt: 26-06-2001
2001, 264 S., DM 39,80
ISBN 3-407-55842-2

In Anlehnung an das bekannte Buch von Stephen Hawking hätte der Titel des vorliegenden Bandes auch `Eine kurze Geschichte des sozialpädagogischen Jahrhunderts` lauten können. Denn um nicht mehr, aber auch nicht weniger, handelt es sich bei der Einführung von C.W. Müller. Müller erzählt, und das im wahrsten Sinnes des Wortes, die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Fokus einer Rekonstruktion der Berufsgeschichte Sozialer Arbeit. Dabei grenzt er sich deutlich ab von einer Ideengeschichte, macht vielmehr deutlich, dass eine Berufsgeschichte herauszuarbeiten habe, in welchen Kontexten, Zeitströmungen und politischen Mehrheitsverhältnissen sich bestimmte Tendenzen in der Disziplin durchsetzen konnten, andere nicht. Alles andere als eine Erfolgsgeschichte somit, aber eben auch nicht ein resignativer Blick zurück. Und so ist das meiste in dem Band auch nicht neu, wird aber neu erzählt, wobei der Autor den Leser nicht mit Details erschlägt, immer darauf bedacht, die Entwicklungslinien der Disziplin im Kontext gesellschaftlicher und institutioneller Rahmungen aufzuzeigen.
Im wesentlichen gliedert sich der Band in zwei Teile. Der erste rekonstruiert die Geschichte Sozialer Arbeit von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart in der Bundesrepublik, ihre Widersprüche, Niederlagen, aber auch ihre Perspektiven, der zweite arbeitet im historischen Rückblick zentrale Tendenzen und Entwicklungslinien heraus und zeigt Perspektiven für das kommende Jahrhundert auf. Besonders im letzten Drittel des Bandes nimmt Müller in der für ihn typischen Art und Weise gegenwärtige Tendenzen kritisch in den Blick (Stichworte `Dienstleistungsgesellschaft`, `Neue Steuerung`, `Kundenorientierung`) und macht deutlich, dass mit dem Aufspringen auf jeden neuen Zug nicht zwangsläufig auch die Professionalisierung der Disziplin einhergeht, die unkritische Übernahme durch i.d.R. von anderen Disziplinen gesetzte Vorgaben immer auch die Gefahr des Verlustes eigener Identität(en) in sich birgt. Die Seitenhiebe, die Müller dabei so ganz nebenbei verteilt, sind ein wichtiges Korrektiv zum Mainstream der Diskussion.
Ein Band, den ich wirklich mit Gewinn gelesen habe, auch wenn - oder gerade weil? - die Inhalte nicht wirklich neu sind. Aber der streitbare Blick des Autors und die Form der Präsentation, die eher an eine Erzählung denn an ein Fachbuch erinnert, garantieren eine äußerst fruchtbare Lektüre, sicher nicht `nur` für Studierende, die eine Einführung suchen, sondern auch für PraktikerInnen, die bereit sind, Selbstverständliches, vielleicht gar zu Selbstverständliches zu hinterfragen.

Erschienen im BELTZ Verlag.

Rezension von Friedhelm Ackermann