Agnès Fritze, Bernd Maelicke, Beat Uebelhart (Hrsg.): Management und Systementwicklung in der Sozialen Arbeit
hinzugefügt: 22-06-2012
Nomos Verlag 1. Auflage August 2011 446 Seiten

ISBN-10: 3832968504
ISBN-13: 978-3832968502

Thema der Publikation
Das Buch „Management und Systementwicklung in der Sozialen Arbeit“ widmet sich dem Thema Sozialmanagement/Sozialwirtschaft. Das neu aufgekommene Verständnis von sozialen Dienstleistungen verlangt nach Managementmodellen, welche nicht einzig den betriebswirtschaftlichen Fokus beinhalten, sondern auch Möglichkeiten zur Messung und Regulierung nichtmonetärer Zielsetzungen bieten. Unter Berücksichtigung der bislang existierenden Instrumente wurde deshalb mit dem Social-Impact-Modell (SIM) ein theoretisch fundiertes Analyse- und Steuerungsmodell konzipiert und in diesem Buch ausführlich dargestellt. Durch den multiperspektivischen, interprofessionellen und interdisziplinären Zugang von der Identifikation des sozialen Problems bis zur Evaluation von Dienstleistungen und Massnahmen im sozialen Kontext wird den aktuellen Herausforderungen Rechnung getragen.

Im deutschsprachigen Raum existieren unterschiedliche Praxismodelle als auch theoretische Herangehensweisen an die Thematik. Es erstaunt deshalb wenig, dass dem Buch ein mehrjähriger, zirkulärer Kooperationsprozess zugrunde liegt zwischen den Herausgebenden und der Autorenschaft, welche sich aus Fachpersonen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zusammensetzt.

Vorstellung von Herausgeberschaft
Agnès Fritze ist Professorin und Leiterin des Instituts Beratung, Coaching und Sozialmanagement an der Hochschule für Soziale Arbeit Fachhochschule Nordwestschweiz. Ihre Schwerpunkte liegen in der Lehre und bei diversen Beratungs- und Entwicklungsprojekten zu den Themen Sozialmanagement und Social-Impact-Modell.

Bernd Maelicke ist als Honorarprofessor an der Leuphana-Universität Lüneburg tätig. Zuvor arbeitete er 16 Jahre lang in der wissenschaftlichen Begleitung und Entwicklung innovativer Projekte in nahezu allen Feldern der Sozialen Arbeit. Ausserdem ist er Gründungsdirektor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft DISW.

Beat Uebelhart ist Professor und Senior Consultant am Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement an der Hochschule für Soziale Arbeit Fachhochschule Nordwestschweiz. Seine Themenschwerpunkte sind Sozialmanagement/Social- Impact-Modell, Steuerungsmodelle und –konzepte, Versorgungsketten, Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit, Bedarfsanalysen, Projektmanagement.

Aufbau und Inhalt
Dem Vorwort folgt eine Einführung, in der sich die Herausgebenden zu Wort melden. Dabei werden drei Grundannahmen getroffen: „1. Soziale Arbeit ist Mitgestalterin gesellschaftlicher Entwicklung und bearbeitet soziale Probleme und deren Folgen; 2. Management kann sich nicht auf Organisationen beschränken, sondern bezieht (...) das Planen, Steuern und Kontrollieren auf das Ganze der sozialen Herausforderungen unserer Zeit; 3. Management im Feld der Sozialen Arbeit legitimiert sich über die erzielte(n) Wirkung(en), also nicht primär durch Unternehmenserfolg, sondern durch die Lösung, Linderung und/oder Vermeidung sozialer Probleme“ (Fritze, Maelicke, Uebelhart 2011: 11).

Das Buch umfasst 18 Beiträge. Sie werden im Rahmen einer Beschreibung der einzelnen Teile des Bandes vorgestellt.

Im ersten Teil mit dem Titel „Grundlagen“ wird der Ausgangspunkt der wirkungsorientierten Systementwicklung in der Sozialen Arbeit, das soziale Problem, verdeutlicht und die Begriffs- und Deutungsvielfalt durch Agnès Fritze erläutert. Dabei diskutiert sie unterschiedliche theoretische Perspektiven auf die sozialen Probleme und erläutert deren Relevanz als Legitimationsgrundlage für die Soziale Arbeit. Georg Horcher schliesst sich dem Beitrag an, indem er die strukturellen Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit thematisiert und die Entstehung sowie Ausgestaltung des dritten Sektors herleitet. Er zeigt auf, dass eine dichotome Zuordnung der Akteure anhand des Kriteriums Gewinnerzielung nicht hinreichend ist, um dem dritten Sektor gerecht zu werden. Rainer Fretschner widmet seinen Beitrag dem Sinn und Nutzen des sozialen Dienstleistungsmanagements hinsichtlich der Profilierung und Professionalisierung sozialer Dienste. Aus der systemtheoretischen Perspektive heraus erarbeitet er entlang seiner Argumentation sieben Aspekte im Rahmen des Managements sozialer und personenbezogener Dienstleistungen, welche einzelfallbezogen geplant und gesteuert werden. Regula Dällenbach diskutiert in ihrem Beitrag die Relevanz der Bottom up-Funktion in der sozialen Arbeit, welche dazu dient, den ideologischen Aspekt am Auftrag der sozialen Arbeit zu erhalten. Gleichzeitig würdigt sie bestehende Theorien, Konzepte und Methoden und legt die bestehenden Defizite dar. Daniel Kettiger und Marianne Schwander stellen in ihrem Beitrag die Frage nach der Wirkungsmessung im sozialen Bereich und diskutieren unterschiedliche Konzepte zur Wirkungssteuerung. Dabei wird ein Plädoyer für die Wirkungssteuerung in der Sozialen Arbeit gehalten und gleichzeitig deren Grenzen aufgezeigt.

Im Teil „Reichweite bisheriger Managementmodelle in der Sozialen Arbeit“ werden bereits angedeutete Themen und Herausforderungen vertieft aufgegriffen und diskutiert. Bernd Maelicke zeichnet die Chronik der Managementmodelle in der Sozialen Arbeit nach. Hierbei kommt er zum Schluss, dass die Forschung und Entwicklung als auch die Förderung und Evaluation bestehender Prozesse eine wichtige Rolle in diesem Verlauf einnehmen. Gleichzeitig postuliert er einen umfassenden Ansatz, der sich nicht durch Landesgrenzen beschränken lässt. Oliver Kessler und Jovanka Ruoss halten die Innovationsfelder des Sozialen Bereichs auf den unterschiedlichen Ebenen fest. Sie streichen die Wichtigkeit von Innovationen im multiperspektivischen Kontext heraus, indem sie verschiedene Innovationsverständnisse diskutieren. Es wird hierbei deutlich, dass diesen jeweils Aushandlungsprozesse mit unterschiedlichen Akteursgruppen vorausgehen und externe Einflussfaktoren wie zum Beispiel Machtverhältnisse mitberücksichtigt werden müssen. Jürg Schneider und Christoph Minnig stellen verschiedene Sozialmanagement-Modelle aus dem deutschsprachigen Raum vor und diskutieren deren Stärken und Schwächen hinsichtlich ihrer Tauglichkeit auf die Anwendung in sozialen Institutionen. Sie kommen zum Schluss, dass ein Managementmodell alle wesentlichen Elemente und Beziehungen in eine Ordnung bringen soll um einen Wirkungszusammenhang aufzuzeigen. Dabei muss Wichtiges von Unwichtigem unterschieden werden können und ein Ordnungsrahmen bestehen, der Verbindungen und Wirkungen aufzeigt und in der Kürze einer Darstellung eine Orientierung bietet.

Im dritten und zentralen Kapitel des Buches, „Das Social-Impact-Modell (SIM) – vom sozialen Problem zur Wirkung“, erfolgt eine ausführliche Darstellung des SIM-Modells durch Beat Uebelhart. Dieses wird als Analyse-, Handlungs-, Planungs- und Steuerungsmodell verstanden und ist als Phasenmodell angelegt. Die Prozessschritte beginnen bei der Definition des Bedarfs resp. bei der Beschreibung des Sozialen Problems, welches die Ausgangslage bildet. Daraus erfolgen die Lösungskonstruktion und deren Umsetzung mit einer anschliessenden Wirkungsevaluation.

In diesem Zusammenhang hält Uebelhart fest, dass das SIM ein multiperspektivisches und multidisziplinäres Handlungsmodell zur Gestaltung von Gesellschaft aus Sicht der Sozialen Arbeit darstellt. Konkret werden die jeweiligen Rahmenbedingungen, Anspruchsgruppen und notwendigen Voraussetzungen im Sinne der Erkenntnisse der vorangegangenen Beiträge aufgegriffen und in das SIM integriert. Somit wird das SIM auch als ein Modell der Praxis verstanden.

Im darauffolgenden Kapitel „Varianten der Strategie und Systementwicklung“ folgen Beiträge zu den Möglichkeiten und Grenzen bei der Anwendung des SIM-Modells. Dabei werden nicht nur spezifische Anwendungsfelder aus der Schweiz vorgestellt wie etwa im Beitrag von Beat Uebelhart zur Steuerung einer partizipativen Kinder- und Jugendpolitik auf überregionaler Ebene. Anhand Peter Zängls Beitrag zur Tauglichkeit des Modells hinsichtlich spezifischer bundesdeutscher Politikfelder wird der deutsche Kontext überprüft und eine Konkretisierung von jeweils vier Logiken und Grundsätzen des SIM-Modells aufgezeigt. Durch Markus Lehner wird eine Anwendung des SIM im österreichischen Kontext hinsichtlich der Neuen Verwaltungsführung vorgestellt. Zuletzt wird die grenzenüberschreitende Nutzbarkeit des Modells durch Eveline Odermatt verdeutlicht. Sie stellt ein Anwendungsbeispiel im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit vor. Auch hier können die aufgeworfenen Fragestellungen durch das SIM angegangen und eine Lösung konstruiert werden.

Im Kapitel 5 „Zusammenfassung und weiterführende Fragen“ wird das SIM durch Beat Uebelhart zusammengefasst. Dabei bezieht er weiterführende Gedanken mit ein.
Im letzten Kapitel „Kommentare“ wird das SIM von unterschiedlichen Fachpersonen aus dem sozial- und politikwissenschaftlichen Umfeld der Sozialen Arbeit aus deren jeweiligen Perspektiven kommentiert.

Diskussion mit der begründeten Bewertung
Das Buch richtet sich an Personen, welche im Kontext der Sozialen Arbeit, des Sozialmanagements oder der Politik engagiert sind sowie an Fachpersonen anderer Disziplinen, welche sich für Innovationen bei der Lösung sozialer Probleme interessieren. Dies wird bei der Lektüre des Buches auch deutlich. Der Inhalt setzt ein Basiswissen über die sozialwissenschaftlichen Diskurse voraus, was das Lesen für einen Laien erschwerlich machen kann, aber für Personen aus diesem Wissenskontext eine spannende Auseinandersetzung darstellt.

Die einzelnen Kapitel sind aufbauend gegliedert, sodass sich der rote Faden im Laufe des Lesens zunehmend verdichtet und seinen Höhepunkt zu Beginn des dritten Kapitels findet, wo die offenen Fragen und Herausforderungen zur Konzipierung eines sinnvollen Managementmodells in der Sozialen Arbeit zusammen kommen. Die Antworten finden sich in der ausführlichen theoretischen Herleitung unter Einbezug der vorangegangenen Überlegungen des Social-Impact-Modells. Die darauffolgenden Anwendungsbeispiele lassen die Leserschaft ein Gefühl für die Möglichkeiten des SIM entwickeln und regen dazu an, eigene Beispiele zu entwerfen und während einer Lesepause durchzugehen. Die anschliessende Zusammenfassung mit der Darlegung weiterführender Gedanken legt offen, dass der Prozess der Entwicklung des SIM noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Daher ist auch zu hoffen, dass der künftige Fachdiskurs zu weiteren Erkenntnissen führen wird, um die letzten Fragen rund um das SIM zu klären.

Was ich an diesem Buch als besonders spannend empfand, war die von mir gestellte immer wiederkehrende Frage nach der Relevanz einzelner Beiträge, wobei sich deren Sinn mir immer wieder von Neuem erschlossen. Dieses Erlebnis machte mir die Vielschichtigkeit der Anforderungen eines Sozialmanagement-Modells erst deutlich und ermöglichte mir ein umfassendes, klares Verständnis der Begriffe „multiperspektivisch“ und „multidisziplinär“.

Das Buch möchte ich abschliessend als sehr lesenswert weiterempfehlen, da es, nebst seinem interessanten Inhalt kaum trockene Momente enthält, obwohl die Thematik dies erfahrungsgemäss für manche Ansprechgruppen befürchten lassen könnte. Die einzelnen Beiträge sind abwechslungsreich und sinnhaft gegliedert, sodass die Lektüre aus meiner Sicht als durchweg positiv bewertet werden kann.

Eine Rezension von Sarah Marti