Hrsg.: Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene Autor: McRobbie, Angela - Top Girls
hinzugefügt: 25-09-2012
Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes

Aus der Reihe: Geschlecht und Gesellschaft, Band 44
VS Verlag 2010, 240 S. Br.

ISBN: 978-3-531-16272-0

Ist Feminismus überholt, weil man heutzutage viele beruflich erfolgreich und selbstbewusst in der Öffentlichkeit stehende Powerfrauen, sowie Mädchen mit hervorragenden Bildungsabschlüssen wahrnehmen kann? Angela McRobbie, Professorin am Goldsmith-College, University of London, untersucht in „Top Girls“ den gegenwärtigen Zustand des Feminismus und zeigt, durchaus anders als gängige Polarisierungen zum heutigen Stand des Feminismus, Tiefenschärfe. Sie offeriert eine nachdenklich und durchaus mitunter provokant anmutende Lesart zu Begriffen wie Empowerment, Wahlfreiheit, Konsumgüter und Bildungschancen. Die Einleitung ihres Buches wurde in der deutschen Ausgabe von Sabine Hark und Paula-Irene Villa verfasst, welche Bezug nehmen auf die Auffassung, dass feministische Themen mittlerweile integriert seien in den „gesunden Menschenverstand“ und daher nun unzeitgemäß. Sie geben zu bedenken, dass sich der Neoliberalismus an folgender Norm orientiert: Erwachsene, unabhängig vom Geschlecht, sollen erwerbstätig sein. Dafür werden Frauen ein gewisses Spektrum an Fähigkeiten zugesprochen und zugleich abverlangt. Erwartungen, dass sie ganz bestimmte Lebenswege flexibel, effizient und produktiv beschreiten können, werden mit impliziert.

McRobbie beschreibt es in „Top Girls“ als ein Phänomen, dass durchaus Elemente des Feminismus aufgegriffen wurden, für ein Versprechen von Freiheit und Unabhängigkeit und in prägnant abwertender Abgrenzung zu dem, was der alte Feminismus gewesen sein soll. Dies klingt geradezu labyrinthisch und daher ist die These der Autorin erklärungsbedüftig. McRobbie leistet dies auf insgesamt 219 Seiten. Bezeichnend für ihre wissenschaftliche Profession der Kommunikationswissenschaften veranschaulicht sie ihr Werk mit einem Überblick zu aktuellen popkulturellen Erzeugnisse, Frauenzeitschriften, Film, Fernsehen und Literatur. Dies verdeutlicht Effekte und Widersprüchliches, allerdings wie die Autorin betont, dies weder empirisch noch ethnografisch.

Ein Schlüsselbegriff im ersten Kapitel ist „rhetorische Gleichheit“, welche speziell jungen Frauen offeriert werden würde, während vieles an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (neu) unsichtbar bliebe. Filme wie Sex and the City, Bridget Jones und Ally McBeal propagieren Frauen, die finanziell für sich selber sorgen, lustig und lustbetont sind und über genug Selbstbewusstsein verfügen, sich ihre Ängste, nicht den „richtigen Mann“ zu finden, einzugestehen. Diese medialen Protagonistinnen sind erfolgreich, ohne Feministinnen zu sein. Mehr noch, Feminismus wird in Medien als jammerig und opferzentriert eingeordnet, was konträr zum Bild der Multitasking-Powerfrau steht. McRobbie setzt sich mit dem
negativen Image auseinander und fragt sich im zweiten Kapitel, welche Funktion es hat und ob der Feminismus am Ende sei. Auf der Grundlage eines Konzepts der Disartikulation zur Abwicklung des Feminismus betrachtet die Autorin wie einstmals gruppenübergreifende Solidaritäten, beispielsweise zwischen Lesben, alleinerziehenden Müttern, antirassistischen Initiativen, verschwanden. Im dritten Kapitel lässt McRobbie anschließend vier Stereotypen postfeministischer Weiblichkeit hervortreten: Die perfekt gestylte Frau, die abenteuerlustig phallische Frau, die fleißige Erwerbstätige und ihr (vergnügungsorientiertes) globales Pendant. Die zwei nachfolgenden Kapitel beschäftigen sich eingehend mit Postfeminismus und ihren Störungen wie u.a. Magersucht, ängstliches Überwachen von Handlungen und Wertlosigkeitsgefühle. Sogenannte „Make-over-Sendungen“ im Fernsehen werden von McRobbie eingehend als eine neue Dimension geschildert. Zur Belustigung des Publikums wird bei eher unscheinbaren, kontaktarmen Mädchen/Frauen Attraktivität mittels Styling, Powertipps etc. normativ gesteigert. Mc Robbie bezeichnet dies Format, bei denen Frauen miteinander um Attraktivität konkurrieren, als eine Form symbolischer Gewalt. Zur Erläuterung des Gewaltbegriffs bezieht sie sich stark auf Pierre Bourdieu sowie Judith Butler.

In einem Fazit wird u.a. das Anliegen der Autorin zusammengefasst, dies Buch als einen Versuch zu begreifen “(…) die Grenzen einer Reihe akademischer Disziplinen – Gender Studies, Soziologie, Kultur- und Medienwissenschaften – mit einer Intervention zu überschreiten, die sowohl darauf zielt, die weitere Debatte über die Zukunft des Feminismus innerhalb und außerhalb der Universitäten anzuregen, als auch zu weiteren kontroversen Diskussionen reizt“ (siehe Seite 196).

„Past is important for feminism today“, so kann man den Appell der Autorin in „Top Girls“ beschreiben. Es handelt sich um ein gut verständlich argumentierendes und inhaltlich streitbares Werk für differenzierte Rückbesinnungen. Die Veranschaulichungen aus der heutigen, popkulturellen Medienwelt machen dies Buch zusätzlich unterhaltsam, auch als Literatur weit außerhalb des Wissenschaftsbetriebs. “Top Girls“ regt generationsübergreifend dazu an, hinter plakative Oberflächen zu schauen, emanzipatorische Fortschritte zu begrüßen, sie aber auch in ihrer ökonomischen Funktion und ihren Verschränkungen zwischen class, race und gender zu beurteilen. In diesem Sinne kann das Buch zwar nicht mit pädagogischen, feministischen Handlungsleitlinien aufwarten, jedoch könnte es zur Reflexion für eine gendersensible Pädagogik flankierend nützlich sein. Verwirklichungsmöglichkeiten stehen Mädchen und Frauen in Deutschland, wie in Großbritannien, im Vergleich zu früheren Zeiten vermehrt offen, aber – um es in einer feministischen Lesart zu formulieren – dies ist nach wie vor eingebunden in komplexe gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Grenzen des individuell Machbaren markieren. Dies spricht dafür, dass eine gewisse Solidarisierung statt blanker Individualisierung alles andere als „old fashioned“ sein könnte. Das durchaus Erfrischende an der heutigen Zeit ist es, dass jede/r für sich entscheiden kann, ob und wie sie/er sich gesellschaftlich engagiert. Nachdenkenswert ist aber, dass derzeitige Individualisierungsprozesse einen enormen Anpassungsdruck für Mädchen und Frauen nicht aufheben, im Gegenteil. Dies veranschaulicht die Autorin prägnant.

Christine Burmeister
Dipl. Sozialpädagogin/Dipl. Kriminologin
Doktorandin am Institut für kriminologische Sozialforschung