Franzjörg Baumgart (Hg.) - Erziehungs- und Bildungstheorien
hinzugefügt: 13-05-2001
Erläuterungen, Texte, Arbeitsaufgaben. 2001, 300 S., DM 32
ISBN 3-7815-1136-7

Der vorliegende Band, konzipiert als Studienbuch und hervorgegangen aus einem Reformprojekt für StudienanfängerInnen an der Ruhr-Universität Bochum, ist Teil einer insgesamt fünf Bände umfassenden Reihe mit dem Ziel, einen systematischen Zugang zu Grundproblemen der Erziehungswissenschaften zu vermitteln. Getragen wird der Band von der These, daß StudienanfängerInnen explizite methodische Erläuterungen und Hinweise benötigen würden, um sich erfolgreich und mit Gewinn in den grundlagentheoretischen Diskurs ihrer Disziplin einarbeiten zu können.
Das Vorgehen, das der Herausgeber dabei wählt, hebt den Band von vergleichbaren Veröffentlichungen insofern ab, dass der Zugang historisch systematisch erfolgt. Ausgehend von der These, dass Erziehungs- und Bildungstheorien immer zeit-und intressengebunden und stets als parteiliche Antworten auf die jeweiligen historisch gesellschaftlichen Problemlagen ihrer Zeit zu betrachten sind, folgt die Darstellung in ihrem Anspruch nicht einer ideen-, sondern sozialgeschichtlichen Rekonstruktion pädagogischen Denkens, im Zentrum steht nicht primär die Abfolge bedeutender Theorieentwürfe; auf eine systematische Darstellung der unterschiedlichen Theorien in ihrer Komplexität wird zugunsten einer Einführung in die Vielstimmigkeit des pädagogischen Diskurses zu typischen Antworten auf die jeweiligen Problemstellungen der Zeit, in der sie entstanden sind, verzichtet.
Dem Herausgeber ist dabei durchaus bewußt, dass dieses Vorgehen seinen Preis hat, ist es in der Intention, zeittypische pädagogische Denkfiguren im Kontext ihrer Zeit darzustellen und damit zwangsläufig keine umfassende Rekonstruktion leisten zu können, einerseits unterkomplex, andererseits jedoch im Anspruch, pädagogische Theorie und Gesellschaftsgeschichte miteinander zu vernüpfen, überkomplex; ihm selbst scheint angesichts dieses Dilemmas nicht ganz wohl zu sein, wenn er an mehreren Stellen darauf verweist, stark verkürzen zu müssen oder gar von `schmerzhaften Einschränkungen` spricht (S. 14).
Der Band gliedert sich in fünf Kapitel, orientiert an exemplarischen Epochen der Bildungsgeschichte. Dabei beschränkt sich die Darstellung auf den deutschen Sprachraum, einflußreiche pädagogische Theorien der Antike oder der frühen Neuzeit werden ebenfalls ausgeklammert. Die verbleibenden Epochen sind unterteilt in die 1) Konstitutionsphase neuzeitlichen pädagogischen Denkens im 18. Jahrhundert und der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts als Blütezeit der Aufklärung und einer damit einhergehenden Umbruchphase auch der pädagogischen Theoriebildung, 2) die preußische Reformära, 3) die reformpädagogische Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts, 4) Bildungskonzepte des Nationalsozialismus und 5) abschließend den erziehungs- und bildungstheoretischen Diskurs der Bundesrepublik. Eingeführt werden die in den Kapiteln vorgestellten Materialien mit kurzen - wirklich kurzen - Erläuterungen der Materialien in ihrem historischen Kontext zu Beginn jedes Kapitels. Bei den vorgestellten Texten handelt es sich zumeist um Auszüge wegweisender Veröffentlichungen; am Ende jedes Textes werden dem Leser/der Leserin Arbeitsaufgaben gestellt.
Angesichts des formulierten Anspruchs kann der Band nicht überzeugen. In der Beziehung ist er, da ist dem Herausgeber zuzustimmen, im Anspruch überkomplex, in der Darstellung unterkomplex. Die jeweiligen Einführungen der Epochen sind in der Darstellung stark verkürzt, die Texte, zumal es sich zumeist um kurze Auszüge handelt, vermitteln gerade mal einen ersten Eindruck, angesichts dessen die Arbeitsaufgaben auch kaum befriedigend zu lösen sein dürften. Eine sozialgeschichtliche Rekonstruktion der Erziehungs- und Bildungstheorien leistet der Band somit nur im Ansatz, dem formulierten Anspruch, auch eine Einführung in die Gesellschaftsgeschichte zu leisten (S. 13), wird er keinesfalls gerecht.
Wie bereits anfangs betont, handelt es sich bei dem Band um ein Studienbuch. Die Darstellung und auch der Kontext des Bochumer Studienreformodells, in deren Rahmen er entstanden ist, auch hier bin ich mir mit dem Herausgeber einig (S. 7), trägt deutliche Züge einer Verschulung der universitären Lehre. Über die These des Herausgebers, dass dies "nicht im Widerspruch zu Formen eines selbstverantwortlichen wissenschaftlichen Studiums steht, sondern dessen Voraussetzungen verbessern soll" (S. 7) kann man streiten, zustimmen muß man ihr nicht.
So hat der Band sicher seine Berechtigung darin, StudienanfängerInnen einen ersten - wirklich ersten - Eindruck zu vermitteln, ein systematisches Studium der KlassikerInnen erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung ersetzt er keinesfalls.

Erschienen im Klinkhardt Verlag.

Rezension von Friedhelm Ackermann