Friedrich-Hett, T. (Hg.): Systemisches Arbeiten mit älteren Menschen
hinzugefügt: 27-01-2015
Konzepte und Praxis für Beratung und Psychotherapie
Verlag: Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2014
287 Seiten, Kt, 29,95 €

ISBN 978-3-8497-0043-0

Fundierte Hinführung zur speziellen Zielgruppe

Während in vorhergehenden Generationen der Bereich der Psychotherapie wenig Attraktivität auslöste und ebenso wenig zum praktischen Leben dazugehörte, kommen nun Menschen „ins Alter“, auf deren Lebensweg Beratung, Coaching, Familienhilfe, auch Psychotherapie eher einigermaßen „vertraute Begleiter“ auf dem Lebensweg waren.

Die Bereitschaft, in Krisen oder bei problematischen Lebenssituationen psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen wächst daher stetig auch unter älteren und alternden Menschen.

Während nun die Literatur und die Hilfestellungen für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im mittleren Alter Legion sind, klafft in Bezug auf die beratende und psychotherapeutische Arbeit mit älteren Menschen eine breite Lücke.

Hier setzen die Herausgeber und die verschiedenen Autoren im Buch fundiert und grundlegend an.

Theoretische Grundlagen werden im ersten Teil des Buches ausführlich (und verständlich) gelegt (Transformation einer Lebensphase und, vor allem, der systemische Blick auf die sich ändernde Beziehungsmatrix und das „Positive Altern“), während in großer Breite der zweite Hauptteil des Buches sich den verschiedenen wichtigen Bereichen und Instrumenten einer Arbeit mit älteren bis „hochbetagten“ Menschen zuwendet.

Sei es Biographiearbeit, seien es narrative Methoden, seien es spezielle Erlebniswelten der aktuell älteren Generation wie Kriegs- und Fluchterlebnisse.
Sorgfältig und systematisch bieten die Autoren im Buch einen je konkreten Blick auf die Besonderheiten der Situationen, die denkbaren Lebensstrategien, das mögliche Beziehungsgeflecht, die denkbaren besonderen Probleme und Hinweise auf jeweils mögliche Wachstums- und Heilungswege.

Sowohl der mögliche Kontaktabbruch von den oder zu den eigenen Kindern (oder anderen wichtigen Familienmitgliedern) wie lange tabuisierte Fragen zur Sexualität im Alter oder zu Suchtproblematiken finden sich in dieser Handreichung dabei ebenso, wie solch naheliegende Themen der Sterbebegleitung und der Trauerarbeit.

Gerade die Bereiche von Sterben und Trauerbegleitung wenden sich in diesem Buch den wichtigen Fragen einer „Rebellengeneration“ zu, die altert und Trauer und Tod zu tragen hat. Bereiche, in denen tradierte Rituale kaum mehr greifen und ebenso die Lebenssituation nicht mehr im Großfamilienverbund aufgefangen wird.

Ob der Begriff der „Neuen Wilden – die wilden Alten“ auf jeden Menschen dieser Generation zutrifft, kann zwar durchaus bezweifelt werden (noch lange nicht alle waren „Rebellen“, „Easy Rider“ oder „Alt-68er“), dennoch bieten die Einlassungen im Buch einen wichtigen Beitrag zur auch therapeutischen Arbeit mit einer sich ändernden Haltung und Erfahrungswelt des Alters und im Alter.

Das auch Therapeuten älter werden und Transformationsprozessen unterliegen ist dabei ein logisches Moment. Getreu systemischer Herangehensweise wird dem Therapeuten in seinem oder ihrem „Älterwerden“ daher auch ein eigenes Kapitel gewidmet.

Im Gesamten ein gut lesbares, praxisnahes, fundiertes Buch, das einen wichtigen und richtigen Schritt darstellt, eine „Betrachtungslücke“ im Rahmen der systemischen Therapie zu schließen.

Rezensent: Michael Lehmann-Pape