Nicolas Rüsch: Das Stigma psychischer Erkrankungen
hinzugefügt: 5-12-2020
Strategien gegen Ausgrenzung und Diskriminierung
Verlag: Urban und Fischer 2020, 1. Auflage Okt. 2020, S. 332

ISBN: 9783437235207

Sachlich, anregend, wichtig

Vielleicht ist es genau richtig für diese Zeit. Nicht aufgrund einer Pandemie, sondern weil in den letzten Jahren die Zahl psychischer Erkrankungen, Angststörung, Depression, Burnout und manches mehr, mehr und mehr spürbar und fassbar erhöht im Land. Weil die Themen ebenfalls seit Jahren bereits journalistisch und durch Fachbücher aufgegriffen werden.

Und weil es dennoch immer noch „irgendwie“ nicht knapp verbreitet ist, dass alles gerne als „Charakterschwäche“ oder „Klapsmühle“ abzutun. Bis hin zu ganz handfesten Schwierigkeiten Betroffener, was Versicherungen, Bewerbungen auf neue Arbeitsstellen, aktenkundige Vermerke und ein diffuses „Raunen“ im Umfeld angeht.

Darauf verweist Nicolas Rüsch bereits ganz zu Beginn in seinem ruhigen, prägnanten Stil, der einerseits dem Leser sehr verständlich die Hintergründe, Problematiken und eben die „Ort der Ausgrenzung“ nahe bringt, die mit den verschiedenen im Buch aufgegriffenen psychischen Erkrankungen einher gehen.

„Menschen mit psychischer Erkrankung stehen vor einer doppelten Herausforderung. Nicht nur müssen sie sich mit den Symptomen ihrer Erkrankung auseinandersetzen……. Sie begegnen häufig auch der Etikettierung als „psychisch krank“ und in der Folge Vorurteilen und Diskriminierung“. (öffentliches Stigma, subjektiv inneres Stigma und strukturelles Stigma).

Probleme, die Rüsch Schritt für Schritt erläutert, die nicht einfach wegschiebbar sind und die für den einzelnen Betroffenen ebenso einer Lösung bedürfen, wie gesellschaftlich der Blick verändert werden muss, um einen konstruktiven Umgang durch alle Beteiligten zu ermöglichen.

Seite für Seite mehr gelingt es Rüsch zunächst, genau dieses „Stigma psychischer Erkrankungen“ in allen Verästelungen darzustellen, die Problematik herauszuarbeiten und sodann im zweiten roten Faden des Werkes Wege aufzuzeigen, auf denen diese Stigmatisierung Schritt für Schritt abgebaut werden kann.

Hierzu dient in guter Weise der historische Rückblick, den Rüsch kompakt einfügt, und die Folgen einer Stigmatisierung. Dem Leser wird dabei fundiert erläutert, welche Entwicklungen im Umgang mit psychisch Erkrankten im Lauf der Zeit erfolgt sind und wie dies im gesellschaftlichen Zusammenhang steht mitsamt der konkreten Folgen einer Stigmatisierung (Persönliche Erfahrungsberichte einer Betroffenen und einer Angehörigen sorgen für ein umgehend nahe kommendes praktisches Beispiel).

Was nun die Arbeitswelt, die Wohnsituation, Medien und Rechtssystem wie auch das Gesundheitswesen betrifft, legt Rüsch differenzierte Betrachtungen und konkrete Hinweise vor, getreu seiner grundlegenden Erkenntnis, dass sich „Antistigma-Interventionen“ auf ein je konkretes gesellschaftliches Umfeld richten sollten, um Wirkung zu entfalten („psychische Erkrankungen haben (auch) soziale Ursachen und Folgen. Stigma ist Ausdruck gesellschaftlicher Haltungen“).

Mit seiner ebenfalls kompakten Darstellung dessen, was bereits ist an Antistigma-Programmen (in Deutschland so wenig, dass eine Auflistung der Global Anti-Stigma Alliance über weltweite Programme gegen Stigmatisierung bis dato ohne Bezüge zu deutschsprachigen Ländern vorliegt. Was allein schon eine klare Sprache spricht.

Dass dies nicht so bleibt, dass die gesamtgesellschaftliche Gesundheit ebenso, wie der konkret Betroffene, einen anderen, nicht-stigmatisierenden Umgang mit psychischen Erkrankungen dringend benötigt, dass ist nach der Lektüre zum einen völlig klar erläutert und zum andern mit konkreten und durchaus umsetzbaren Instrumenten und Ideen im Buch verbunden.

Eine wichtige, notwendige und hoch aktuelle Untersuchung und ein Plädoyer für die Schaffung eines institutionellen Rahmens zur Bekämpfung von Stigmatisierungen im psychischen Bereich der Erkrankungen ebenso, wie eine sachliche Information über die verheerenden Folgen Betroffener.

Rezensent: Michael Lehmann-Pape