Andreß, Hans-Jürgen / Heien, Thorsten / Hofäcker, Dirk - Wozu brauchen wir noch den Sozialstaat?
hinzugefügt: 30-08-2001
Der deutsche Sozialstaat im Urteil seiner Bürger. 206 S.-206 S. 46,00 DM - 336,00 öS - 41,00 sfr
ISBN 3-531-13660-7

Der deutsche Sozialstaat ist in aller Munde. Auslöser der aktuellen Diskussion war die Forderung des hessischen Ministerpräsidenten Koch, Sozialhilfeempfänger, die keine Arbeit annehmen, nach dem Vorbild des im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin praktizierten „W-2“-Programms („Wisconsin Works“) finanziell zu bestrafen. Über diesen sehr spezifischen Aspekt hinaus wird in Politik, Wissenschaft und Medien aber auch immer wieder eine grundsätzliche „Krise des Sozialstaates“ konstatiert, die sich vor allem in zunehmenden Finanzierungs- und Effizienzproblemen sowie einer abnehmenden Akzeptanz der Sozialpolitik in den Augen der Bürger äußere. Andreß, Heien und Hofäcker widmen sich letzterer Frage, indem sie die Einstellungen der Deutschen zum Sozialstaat anhand von Umfragedaten aus den 1980er und 1990er Jahren untersuchen: Für welche Bereiche soll er nach ihrer Ansicht verantwortlich sein, sollen mehr oder weniger Ressourcen investiert werden, ist eine entsprechende Finanzierungsbereitschaft gegeben, wie werden die relevanten Institutionen, Programme und Akteure wahrgenommen? Darüber hinaus stellen die Autoren die Frage nach den Ursachen der sozialpolitischen Einstellungen der Bürger, wobei sie auf kultur- und strukturtheoretische Ansätze bezug nehmen.
Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, daß der deutsche Sozialstaat grundsätzlich über eine hohe Akzeptanz verfügt, von einer diesbezüglichen Krise mit anderen Worten nicht die Rede sein kann. Allerdings existieren erhebliche Einstellungsunterschiede zwischen verschiedenen sozialen Gruppen, die im wesentlichen auf unterschiedliche ökonomische Interessen und Sozialisationserfahrungen zurückzuführen sind. Das Potential der Unterstützer des Sozialstaates ist demnach zwar groß, aber sozialstrukturell überaus heterogen. Beispielsweise zeigen die Ostdeutschen deutlich höhere Ansprüche an sozialpolitisches Handeln als die Westdeutschen, wenn diese Unterschiede auch im Zeitablauf - sprich in den 1990er Jahren - zurückgegangen sind. Zudem sehen vor allem sozial unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen (z.B. Personen mit geringer Bildung, Personen aus einkommensschwachen Haushalten, Arbeitslose) eine sozialpolitische Verant-wortung des Staates und wünschen eine Erhöhung entsprechender Ausgaben.
Die Untersuchung von Andreß, Heien und Hofäcker zeichnet insgesamt ein detailliertes Bild der Einstellungen der Bürger zum deutschen Sozialstaat in den 1980er und 1990er Jahren, das bei zukünftigen sozialpolitischen Auseinandersetzungen berücksichtigt werden sollte. Darüber hinaus überzeugt die Untersuchung methodisch, da die angewandten elaborierten statistischen Verfahren (konfirmatorische Faktorenanalyse, lineare Strukturgleichungsmodelle) sehr anschaulich erläutert werden.


Erschienen im VS_Verlag.

Rezension von Jörg Warras