Harry Bergeest - Körperbehindertenpädagogik
hinzugefügt: 02-07-2001
Prävention - Integration - Rehabilitation. Eine Studienbuchreihe zur Heil- und Sonderpädagogik 2000, ca. 336 S. 19,80 Euro
ISBN 3-7815-1063-8

Dieses Buch aus der Studienreihe zur Heil- und Sonderpädagogik, herausgegeben von Harry Bergeest, bietet einen gründlichen Überblick der sonderpädagogischen Fachrichtung Körperbehindertenpädagogik. Es deckt die Themen dieser Disziplin ausführlich und aktuell ab und beschreibt neben Theorien der Körperbehindertenpädagogik die historische Dokumentation der Geschichte der Rehabilitation körperbehinderter Menschen und den Wandel, den diese sich im Umbruch befindende Fachrichtung durchgemacht hat und - zum Glück -weiterhin durchmacht. Wichtig erscheint Bergeest nach wie vor, sich nüchtern vom theologischen, medizinischen und traditionell sonderpädagogisch-defizitgefärbten Begriff der "Heilung" zu entfernen, um zu Diagnose- und Förderprozessen zu gelangen, die sich an Kompetenzen orientieren und als übergeordnetes Ziel ein selbstbestimmtes soziales Miteinander hat. Wann genau eine "längerfristige Beeinträchtigung" als Behinderung etikettiert wird, welche Überlappungen es zu einzelnen Krankheiten gibt, welcher soziale Bezug und welche Rollenerwartungen damit zusammenhängen ist natürlich wie bisher individuell zu bestimmen.
Sehr gut gefällt mir daher die Aufteilung der Erscheinungsformen körperlicher Behinderungen, die im Kapitel 2 in "Personengruppe und Förderbedürfnisse" beschrieben werden. Man erhält klare Vorstellungen über die Ätiologie der unterschiedlichsten Krankheiten. Die Abgrenzung von einer "körperlichen" Behinderung zu bestimmten (Grauzonen-) Krankheiten fällt durch die gute Unterteilung leichter. So finden sich unter den progredient kranken Kindern, neben an Mukoviszidose, Muskeldystrophie, Multiple Sklerose Erkrankte, sowie an Krebs Erkrankte eben auch HIV-infizierte, bei denen z.B. der soziale Aspekt eine große Rolle spielt.
Große Beachtung wird im 4. Kapitel der Pädagogischen Förderung geschenkt. Von der Diagnostik bis hin zu didaktischen Modellen der schulischen Förderung werden vom Autor sowohl die Didaktik, als auch die nachschulische Förderung im Hinblick auf Beruf, Wohnen, Freizeit und Recht erläutert. Bergeest weist oft auf die Zusammenhänge zwischen der Rolle des Pädagogen und dem körperlich behinderten Kind hin, die im Entwicklungsprozess des Kindes stärker mitreflektiert werden müsse. Er geht damit auf das begrenzte Wissen ein, das sich traditionell an entwicklungslogischen Prozessen und dem Vergleich mit dem statistischen Durchschnitt orientiert und stützt sich auf die Frage, inwiefern die sonderpädagogische Diagnostik dem Kind in seiner Individualität gerecht wird und ob sie fair ist.

Der Band, der die grundlegenden theoretischen Ansätze der Fachrichtung enthält, eignet sich zum Einstieg für StudentInnen der Sonderpädagogik, speziell natürlich der Fachrichtung Körperbehindertenpädagogik und wird sein Publikum bei allen, die beruflich mit chronisch kranken, körperlich fehlgebildeten, schwerstbehinderten, traumatisierten und progredient
kranken Kindern etc. zu tun haben, finden.

Neben diesem Buch sind in der Studienreihe zur Heil- und Sonderpädagogik in erweiterter und überarbeiteter Auflage außerdem "Verhaltensgestörtenpädagogik und Erziehungshilfe" und "Pädagogik bei geistiger Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten" erschienen.


Erschienen im Julius Klinkhardt Verlag.

Rezension von Claudia Schütte