Angelika Sinn - Ich habe nie als Mensch gezählt
hinzugefügt: 23-02-2002
Überlebensgeschichten von Jugendlichen. Herausgegeben von KRIZ – Bremer Zentrum für Jugend- und Erwachsenenhilfe e.V., 96 S., 1999, DM 19,80,-
ISBN: 3-931737-88-8

Der kleine Band von Angelika Sinn beinhaltet fünf Portraits von jungen Erwachsenen im Alter zwischen 19 und 25 Jahren. Die aus Interviews und Gesprächen geronnenen (Über)Lebensgeschichten wurden von der Autorin einfühlsam und behutsam bearbeitet und erzählen Geschichten jenseits des großen Glamour, zeigen die ganz alltäglichen Realitäten urbaner Wirklichkeiten auf. Sie erzählen von Kindheit und Erwachsenwerden, Erfahrungen mit Gewalt, Mißbrauch, Drogenabhängigkeit, alltäglichen Konflikten in Familie, im Heim, auf der Straße, zeigen jedoch auch Perspektiven auf, die sich in den Träumen, Wünschen, den Erzählungen von Freundschaft und Liebe widerspiegeln, im Wunsch nach einem eigenen und selbstbestimmten Leben. So unterschiedlich die hier präsentierten Lebensgeschichten auch sind, eines eint sie, der Kontakt zur sozialpädagogischen Jugendhilfe-Maßnahme "Betreutes Jugendwohnen" beim den Band herausgebenden Träger KRIZ in Bremen. Hier schildern die Jugendlichen selbst, wie wichtig die Intervention war, um ihnen Lösungen für die zahlreichen Verstrickungen aufzuzeigen, Verstrickungen, die allein nicht mehr zu bewältigen waren. Und so zeigt der Band gleich einen zweifachen Erfolg auf, die gelungene Bewältigung krisenhafter biographischer Prozesse einerseits und das Gelingen sozialpädagogischer Arbeit andererseits. Konsequent schreibt Annelie Keil deshalb in ihrem Vorwort: "In diesem Sinne ist das Buch ein Lehrbuch, eine Lehre, die aus den Erfahrungen verschiedener Leben stammt und durch das Aufschreiben lehrreich für andere Menschen auf ihrem Weg sein kann, für jüngere und ältere Menschen in gleicher Weise." Indem die Portraits aufzeigen, wie aus Mißachtung Achtung, aus Mißerfolg Erfolg, aus Ausgrenzung Akzeptanz werden kann, zeigen sie auch eine gelingende Utopie Sozialer Arbeit. Ein Band, der die sich vielen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen immer wieder stellende Frage, ob die eigene Arbeit denn überhaupt Sinn mache, mit einem eindeutigen Ja beantwortet.

Erschienen im Donat Verlag Bremen.

Rezension von Friedhelm Ackermann