Jürgen Armbruster - Praxisreflektion und Selbstevaluation in der Sozialpsychiatrie
hinzugefügt: 17-03-2003
Systemische Beiträge zur Methodenentwicklung. Freiburg im Breisgau 1998, 312 Seiten kart. Preis: 24,60 EUR
ISBN 3-7841-1047-9

Jürgen Armbruster könnte einigen, sozialpsychiatrisch-interessierten Lesern vielleicht bekannt sein. Als Redakteur der Zeitschrift "Kerbe - Forum für Sozialpsychiatrie" war er in den vergangenen Jahren mit daran beteiligt, tendenzielle Entwicklungen innerhalb der Sozialpsychiatrie zu beschreiben und dabei kritisch zu durchleuchten (s. Beiträge zu systemisch orientierter Methodik oder Qualitätsstandards). Praktisch arbeitet(e) er im SpDi der Stadt Stuttgart sowie in Fort- und Weiterbildung für Soziale Berufe. Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit wurde von ihm als Dissertation vorgelegt. Seine Grundhaltung zu psychiatrischen Fragen und deren Lösung basiert auf einem systemischen Ansatz, den er gleichzeitig als systemischer Familientherapeut in das psychotherapeutische Setting einbringen und in der Praxis nutzen kann.

Das hier besprochene Buch stellt die Arbeit eines Praxisforschungsprojektes von MitarbeiterInnen des SpDi Stuttgart-Freiberg in der Zeit von 1995-1997 vor. Ziel dieses Projektes sollte eine methodische Entwicklung der sozialpsychiatrischen Arbeit sein, d.h. professionelles Handeln sollte begründ- und evaluierbarer gemacht werden, ohne den sozialpolitischen Rahmen mit seinen ökonomischen/sozialrechtlichen Bedingungen aus den Augen zu verlieren.

Der Leser findet somit eine Arbeit zur Evaluationsforschung wie eben auch zum Praxisalltag in der Gemeindepsychiatrie vor. Armbruster sieht innerhalb der Sozialpsychiatrie ein methodisches und wissenschaftliches Begründungsdefizit (S.18). Der anhaltende Trend zu mehr Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen mit wachsendem Anspruch hin zu individueller Hilfebedarfsermittlung wird dabei näher erörtert. In den ersten Kapitel 2./3. beschreibt Armbruster gut verständlich systemische Denkweisen (auch in ihrer Entwicklung) und Handlungsansätze über Schlüsselbegriffe systemischer Grundhaltungen (Systeme, Zirkularität, Hypothesen u.a.m.). Diese bilden den Hintergrund für das im Anschluß vorgestellte Praxisprojekt, in dem methodisch begründetes Vorgehen verwirklicht werden sollte. Detallierte Angaben zum Projekt folgen darauf. Im einzelnen ging es um die Erstellung eines Instrumentariums, das im Alltag pragmatisch mit systemisch-selbstevaluativer Ausrichtung eingesetzt werden sollte. Sogenannte Entwicklungsskalen (zu 9 Lebensbereichen) sollten helfen, Veränderungen der Lebenssituation von Klienten systematisch zu erfassen, um Zielbeschreibungen genauer überprüfen zu können.

Beachtenswert in den darauf folgenden Abschnitten sind die selbst erstellte Typologie unterschiedlicher Interaktionssituationen im Beziehungsalltag mit Klienten, nach der Problemmuster untersucht werden können, praktisches Handeln (Interventionsform) differenzierter und auf kreative Weise umgesetzt werden kann - und die Ergebnisse der binnen 1 Jahres begleiteten Betreuungsverläufe (18 Fallbeispiele).

Angehörige Sozialer Berufe finden sich v.a. im Kontext von Beratungsgesprächen (Hausbesuche, Beratung in sozialen Einrichtungen/Ämtern) bzw. Fallbesprechungen oder Supervision wieder, und dürften ebenso eine andere, innovative Perspektive der sozialpädagogisch-psychiatrisch orientierten Arbeit vorfinden.

Erschienen im Lambertus-Verlag.

Rezension von Michael Horn