Bernadette Albrecht: Corporate Identity in der Sozialen Arbeit
hinzugefügt: 7-01-2004
Magdeburg 2002, Schriften der Hochschule Magdeburg-Stendal, Band 9,

ISBN: 3933999081, 9,90 EUR

Neu ist die Tatsache, dass im Zuge der (Post?)Modernisierung Sozialer Arbeit Methoden und Modelle aus anderen Disziplinen – vornehmlich betriebswirtschaftlicher Provenienz -übernommen werden, ja nun beileibe nicht (wobei ich mir die ketzerische Frage nicht verkneifen kann, ob das nicht womöglich eines der zentralen Charakteristika dieser `bescheidenen Profession` (Schütze) ist, auf die Ressourcen der Bezugsdisziplinen anstatt die eigenen zurück zu greifen), trotzdem überrascht der Titel des vorliegenden Bandes. Eine Corporate Identity (CI) der Sozialen Arbeit? Wie soll das gehen in einem so heterogenen Berufsfeld? Wichtiger aber die Frage: Wozu?
Die Autorin selbst versteht ihre Arbeit als „Beitrag zur Suche nach Identität in der Sozialen Arbeit“ (S. 95) mit dem Ziel, „mit Hilfe einer qualitativen Erhebung in der Praxis der Sozialen Arbeit nach verbindenden und identitätsstiftenden sowie nach widersprüchlichen und hemmenden Elementen zu suchen, und damit Anregungen für die andauernde Debatte zur Identität zu geben“ (ebd.), und das vor der Folie und im Rekurs auf die Idee der CI. Dabei wird CI – mit Bezug auf Bickmann – verstanden als Kompetenz, konsistent aufzutreten.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile.
Im ersten Teil gibt die Autorin einen Überblick über in der Diskussion dominierende Identitätsmodelle, hier primär den Symbolischen Interaktionismus, um anschließend Aspekte beruflicher Identität in der Sozialen Arbeit zu beleuchten und das Modell der CI vorzustellen.
Im zweiten Teil werden die Ergebnisse einer qualitativen Erhebung mit 12 PraktikerInnen aus vier Berufsfeldern dargestellt, wobei den Äußerungen der Befragten auf der Folie einer Themenmatrix ausreichend Platz eingeräumt wird.
Der abschließende dritte Teil formuliert den Ertrag der qualitativen Erhebung im Hinblick einer Berufskultur Sozialer Arbeit, fördernde bzw. hemmende Aspekte der Herausbildung einer CI werden diskutiert.
Grundlage des Buches ist eine Diplomarbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Als solches präsentiert es sich gut recherchiert und anspruchsvoll in der Fragestellung. Und sicher ist es legitim, ein in Unternehmen erfolgreiches Konzept als identitätsstiftende Orientierung beruflicher Identität auf seine Tragweite für die Soziale Arbeit hin zu überprüfen. Der Ertrag jedoch darf bezweifelt werden: Und CI als alternatives Identitätskonzept (S. 22 f.) Sozialer Arbeit vorzustellen, schießt ganz einfach über das Ziel hinaus, macht die Autorin doch selbst deutlich, dass es sich beim CI um einen Ansatz handelt, „der hauptsächlich durch großangelegte Aktionen der Wirtschaft zur Image- und Leistungssteigerung von Wirtschaftsunternehmen bekannt wurde und somit teilweise auch als ein Konzept wirtschaftlichen Ursprungs vermarktet wird.“ (ebd.) Das mag in Unternehmen – mehr oder weniger gut – gelingen, aber wenn es das Interesse der CI ist, „dem Individuum, der Gruppe oder dem Sozialen System eine Balance in Form von widerspruchsfreien Auftreten nach innen und nach außen“ (S. 23) zu ermöglichen, dann greift das angesichts der Heterogenität der Berufsfelder Sozialer Arbeit und ihrer AkteurInnen einfach nicht, aus dem einfachen Grunde, weil Soziale Arbeit per se nicht widerspruchsfrei ist (Stichworte z.B. Doppeltes Mandat, System versus Lebenswelt) und nie sein wird, weil nicht sein kann. Im Zentrum der Diskussionen über eine Identität Sozialer Arbeit steht eben nicht das Unternehmen Soziale Arbeit, das empirisch so ja nicht existiert, wenn überhaupt als semantisches Konstrukt, im Zentrum steht die Profession. Die Illusion von Konsistenz und Widerspruchsfreiheit nach innen und außen, das riecht nach Korporatismus, nicht nach einem Weg, Sozialer Arbeit eine Identität nach innen und ein eigenständiges (wohl gemerkt, eigenständiges, nicht widerspruchsfreies) Profil nach außen zu ebnen. Professionelle Identität ist mehr als eine Corporate Identity. Einer Identität Sozialer Arbeit muß es gelingen, Widersprüchlichkeit und Pluralität zu integrieren, nicht aber sie mit einem Label zuzukitten.
Die Vorschläge der Autorin am Ende des Bandes, berufsbezogene Leitbilder zu entwickeln, advokatorisch Verantwortung zu übernehmen für die AdressatInnen und gegen einen Staat, der sich sozialpolitisch zunehmend verabschiedet, die Reflexion des eigenen Menschenbildes, klare Positionen gegen Exklusionen, das sind Aspekte, die im Sinne der Disziplin und Profession Perspektiven aufweisen, drängende Fragen, die weit über das hinaus gehen, was das Konzept der CI je leisten wollte und kann und die lohnenswerter scheinen als der Anspruch der Übertragung eines in anderen Kontexten bewährten Konzepts auf die Soziale Arbeit.

Rezension von Friedhelm Ackermann