Friesa Fastie: Opferschutz im Strafverfahren
hinzugefügt: 17-02-2005
Sozialpädagogische Prozessbegleitung bei Sexualdelikten. Ein interdisziplinäres Handbuch, Opladen 2002. 408 Seiten. Kart. 22,80 EUR

ISBN 3-8100-3407-X

Unser Strafrechtssystem stellt trotz zahlreicher gegenteiliger Bemühungen den Täter und damit den Täterschutz immer noch in den Mittelpunkt des Geschehens. Gerade verletzte Zeuginnen und Zeugen von sexualisierten Gewalttaten erleben das Ermittlungs- und Strafverfahren häufig als Entmündigung und neuerliche Trauma-tisierung.

Friesa Fastie setzt sich seit vielen Jahren für eine Verbesserung der Situation von Opfern von sexualisierten Gewalttaten und die Wahrnehmung ihrer Interessen ein. In ihrem neuen Buch "Opferschutz im Strafverfahren" lässt sie zahlreiche, beruflich mit dem Komplex "Sexualstraftaten" befasste Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die ihren jeweiligen Arbeitsbereich vor allem in Hinblick auf den Opferschutz betrachtet haben. So machen die ausführlichen und detaillierten Beschreibungen der einzelnen Verfahrensabschnitte den größten Teil des Buches aus. Einig sind sich alle Autorinnen und Autoren darüber, dass den Verletzten von sexualisierten Gewalttaten im Spannungsfeld einer komplizierten Rechtslage, der oft schwierigen Beweislage und weiterer erhöhter Belastungsfaktoren jede nur erdenkliche Form von rechtlicher und psychosozialer Unterstützung gewährt werden muss. Schonende Opfer-befragung, würdevoller Umgang durch alle Prozessbeteiligten und die Wahrung der unterschiedlichen Bedürfnisse der Verletzten sind Voraussetzungen für einen verbesserten und angemessenen Opferschutz. Dass dies in der Praxis noch lange nicht erreicht ist, wird kritisch beleuchtet. Ebenso die unzulängliche Zusammenarbeit der einzelnen Disziplinen, fehlende Personal- und Geldkapazitäten und mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten. Demgegenüber stehen konstruktive Vorschläge und Plädoyers für dringend notwendige Verbesserungen.

Obwohl sich der zweite (sozialpädagogische) sowie der dritte (politische) Teil in erster Linie auf die Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Strafprozess beziehen, ist das Buch auch für diejenigen interessant, die mit erwachsenen Verletzten zu tun haben. Ausführlich wird auf die besondere Problematik von behinderten Verletzten eingegangen, für die in rechtlicher sowie in praktischer Hinsicht noch einmal eine ganz besondere Problematik besteht. Ebenso befasst sich ein Kapitel mit der Situation von durch sexualisierte Gewalt traumatisierte Migrantinnen.

Ein interdisziplinäres Handbuch im wahrsten Sinne des Wortes: Für Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Angehörige der Polizei und Staatsanwaltschaft, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sowie Richterinnen und Richter gleichermaßen überaus lesenswert und durchgängig gut lesbar, bietet es eine Fülle von Informationen und Hintergrundwissen, über die alle Berufsgruppen, die mit Opfern sexualisierter Gewalttaten zu tun haben, verfügen sollten. Es gibt Gelegenheit, angrenzende Fachbereiche zu "durchschauen" und motiviert gleichzeitig, sich mit der eigenen Arbeitsweise kritisch auseinanderzusetzen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Sinne eines angemessenen Opferschutzes voranzutreiben.

Autorin der Rezension ist:
Regina Seidel
Manfred-von-Richthofen-Str. 9
12101 Berlin
Tel. 030/770 082 94
e-mail: regsei@t-online.de

Erschienen im Leske + Budrich Verlag.