Martin Wollschläger (Hg.) - Sozialpsychiatrie. Entwicklungen – Kontroversen – Perspektiven
hinzugefügt: 11-04-2005
Gebunden, 905 Seiten, 23 Abbildungen, Tabellen, ISBN 3-87159-038-X. Tübingen: DGVT-Verlag 2001. € 49.- / sFr 80.- / Best.Nr. 400

Warum bedarf es eines solchen beeindruckenden und umfangreichen Werkes zur Sozialpsychiatrie, wenn es doch eine Reihe hervorragender Bücher (allen voran: "Irren ist menschlich") des Faches Psychiatrie gibt, und in denen vergleichbare Texte zu finden sind?

Der Herausgeber Martin Wollschläger begründet sein Anliegen - ein derart wichtiges Buch veröffentlicht zu haben - damit, daß (für ihn) keineswegs ein sozialpsychiatrischer Paradigmenwechsel innerhalb des psychiatrischen Versorgungssystems stattgefunden hat, sondern dass es vielmehr darum geht, die herausragenden Ideen und Konzeptionen der letzten 25 Jahre und deren Beitrag zur Reform psychiatrischer Institutionen in Deutschland und anderen Teilen dieser Welt zu würdigen bzw. diese populärer zu machen.

Die über 50 Beiträge namhafter Autoren in diesem Band berühren so ziemlich alle wesentlichen Aspekte psychiatrischer Arbeit im psychosozialen Bereich. Diese Tatsache schließt jedoch keineswegs brisante Themen, wie beispielsweise die Gabe von Psychopharmaka oder Zwangsbehandlung (Unterbringungsmaßnahmen) in therapeutischen Situationen (meist bekannter in "klassisch-psychiatrischen" Veröffentlichungen) aus.

Den meisten Texten geht ein trialogisches Verständnis im Umgang mit psychischen Störungen voraus, und so verwundert es kaum, dass ebenso "Betroffene" von ihren Psychiatrie-Erfahrungen erzählen und damit einen subjektiven, gleichzeitig aber auch sehr privaten Einblick in ihr Seelenleben liefern.

Es gelingt meiner Ansicht nach nur schwer, außergewöhnliche Texte hervorzuheben. Die erschütternden Zeugnisse von Mitarbeitern und Psychiatrie-Erfahrenen aus vergangenen Jahrzehnten (z.B. ein Bericht aus der Anstalt Brandenburg) gehen genauso "unter die Haut" und regen ohne idealistische Beeinflussung zum Nach- und Umdenken an, wie die Innenansicht des "Berliner Weglaufhauses" Thilo von Trotha's (S. 467 ff) oder Peter Lehmann's Beitrag zu Langzeitschäden nach Neuroleptika-Einnahme (S. 273 ff).

Leserinnen und Leser bekommen neben der Fülle historischer, rechtlicher oder sozialpolitischer Fakten v.a. auch einen Zugang zu Orten psychiatrischen Handelns. Es sind insbesondere Skizzen aus den ehemaligen zentralistischen Großkrankenhäusern Gütersloh, Merzig oder Bremen-Ost, von denen wichtige Impulse zur "Entflechtung" stationärer Einrichtungen ausgingen, und deren Wandel man im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nachvollziehen kann.

Das Buch hält sein aktuelles Niveau u.a. dadurch, dass es Forschung und/oder Qualitätsmanagement oder aber innovative Therapiekonzepte (z.B. Soteria) nicht ausklammert, sondern durchleuchtet und mit einigen empirischen Daten untersetzt.

Am Ende gehört das Schlusswort dem vielleicht verdientesten Sozialpsychiater unserer Zeit - Luc Ciompi. Er unternimmt die schwierige Aufgabe, in die Zukunft der Sozialpsychiatrie zu sehen (S. 755 ff). Dort möge sich doch ein drei-dimensionales (bio-psycho-sozial) Verständnis der Psyche entwickelt haben, welches beinhaltet, dass psychische Störungen und Krankheiten von verschiedenen Perspektiven aus betrachtet und behandelt werden können - und dies bedeute für alle Beteiligten einen Gewinn.

Ich denke, der Band ist ausgesprochen lesenswert und das liegt u.a. an der Auseinandersetzung mit den positiven Entwicklungen die beschrieben werden, aber auch an der Auseinandersetzung mit kritischeren Themen (Psychiatrie und deutsche Geschichte, Psychopharmaka o. die Auflösung der Großkrankenhäuser). Wer als Leser jedoch schon mit sozialpsychiatrischer Literatur vertraut ist, wird darüber hinaus weitere anregende, nachdenkliche und sophistische Passagen entdecken.

Neben der inhaltlichen Qualität und Aktualität der einzelnen Kapitel überzeugen v.a. die klar formulierten Positionen der Autorinnen und Autoren. Für sozialpädagogische Berufe in psychiatrischen Arbeitsfeldern enthält das Buch einen überdurchschnittlich breit angelegten Überblick sowie ein außerordentlich klares Verständnis von und Bekenntnis zur Sozialpsychiatrie.

Rezension von Michael Horn.