Ciompi / Hoffmann / Broccard (Hrsg.) - Wie wirkt Soteria? Eine atypische Psychosenbehandlung kritisch durchleuchtet
hinzugefügt: 15-06-2005
1. Auflage. Hans Huber Verlag 2001. 264 Seiten. Preis: 29,95 EUR
ISBN 3-456-83570-1


Im Diskurs um alternative psychiatrische Behandlungsmodelle stellt(e) "Soteria" ein herausragendes Beispiel von Innovation, Praktikabilität und Wissensdrang dar, das im hier vorliegenden Buch einer kritischen Durchleuchtung, d.h. wissenschaftlichen Darstellung vorhandener Daten und deren Reflexion, unterzogen wird.

Kein geringerer als der Schweizer Psychose-Forscher und Sozialpsychiater Luc Ciompi hat mit "Soteria" (s)ein Lebenswerk "vollendet". Neben ihm zählen so bekannte Autoren (Kritiker) wie Machleidt, Marneros, Priebe, Simon oder der 2004 verstorbene amerikanische Soteria-Gründer Loren Mosher zu den Experten und quasi Sachverständigen der Untersuchung der Bedingungen und Wirkungsfaktoren dieses therapeutischen Konzeptes.

Die profunde Auseinandersetzung mit dem Thema stellt sich für mich als überzeugend und plausibel dar, was v.a. vor dem Hintergrund aktueller neuropsychologischer sowie biogenetischer Forschungen angenehm auffällt. Dabei bleiben die AutorInnen nicht bei allgemeinen Aussagen zu bereits bekannten psycho- oder milieutherapeutischen Wirkungen stehen, sondern suchen und integrieren zugleich eigene Behandlungsgrundsätze, die stärker als bisher emotionale Einflüsse systematisch berücksichtigen (S. 56ff).

Soteria zieht seinen Bekanntheitsgrad v.a. aus den von Betroffenen geschilderten positiv besetzten Erfahrungen innerhalb des "Raumes". Hinzu kommen vertrauensvolle, Sicherheit bietende Beziehungen zu fachlich qualifizierten und - dort findet sich der Unterschied zum
normalen stationären Setting - MitarbeiterInnen, die man vielleicht eher als QuereinsteigerInnen bezeichnen könnte. Einen passenden Beitrag liefern dazu die von Fritz B. Simon unter dem Titel "Soteria – eine Ersatzfamilie?" geführten Interviews mit zwei ehemaligen BewohnerInnen, in denen deutlich wird, wie o.g. Wirkfaktoren ein therapeutisch-funktionelles Umfeld schaffen können.

Beim Lesen ist ein Pendeln zwischen objektiver Wissenschaft (Studien) und subjektiven Eindrücken (KlientInnen, MitarbeiterInnen) zu spüren, das in der Erkenntnis der Herausgeber mündet, mit der Soteria-Idee einen wichtigen Beitrag für eine beziehungsbejahende, medikamentenarme und "ent-spannendere" Behandlung psychotischer Erkrankungen geleistet zu haben. Nicht zuletzt ist es ein großes Anliegen von Ciompi gewesen, die über drei Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen mit Soteria öffentlich zu machen, und so ist "Wie wirkt Soteria?" eines der persönlichsten Dokumente seines langjährigen Schaffens. Kaum ein anderer Entwurf hat der Psychiatrie so viel Diskussionsstoff geboten, sieht man einmal von
der medien-präsenteren Beschäftigung und Würdigung neuerer (nebenwirkungsarmer) Psychopharmaka ab.

Wer also abseits der "Mainstream-Psychiatrie" nach anderen Lösungen oder Haltungen zur Behandlung psychischer Störungen sucht, findet mit diesem Buch eine unverzichtbare, weil evidente und einzigartige Quelle.

Rezension von Michael Horn