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Antje Flade: Wohnen psychologisch betrachtet
hinzugefügt: 19-09-2006
Verlag Hans Huber, Bern 2006, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, 262 Seiten, 75 Abbildungen, 23 Tabellen, Preis: 19,95 EUR

ISBN 3-456-84304-6

„Wohnen psychologisch betrachtet“ von Antje Flade analysiert menschliche Grundbedürfnisse, die gesellschaftlichen Folgen schlechter Wohnverhältnisse und deckt dabei die enge Beziehung zwischen Bewohnern mit ihrer Umwelt auf

Ein Dach über dem Kopf zu haben ist für die meisten von uns so selbstverständlich wie das Amen der Kirche. Neben der Nahrung sichert die Wohnung unsere Existenz. Sie ist ein „Zentrum, von dem alle Wege ausgehen und zu dem sie wieder zurückführen.“ Erst wenn dieses Grundbedürfnis befriedigt wird, hat der Mensch - nach der hierarchischen Pyramide des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow - den Kopf frei für seine Mitmenschen und kann sich zivilisieren. In der zweiten Auflage ihres vollständig überarbeiteten Buches „Wohnen psychologisch betrachtet“ orientiert sich die Wohnpsychologin Antje Flade am Maslow’schen Bedürfnis-Modell, hilft Laien sowie Fachleuten mit Konzepten und Denkweisen, Immobilien und Mobilien kritisch zu beurteilen, um ein zufriedenes Wohnen anzustreben. Aus gutem Grund. Schließlich besteht ihrer Meinung nach ein gesellschaftliches Interesse daran, denn „unzufriedene Menschen reagieren häufiger ungehalten und sozial unerwünscht, lehnen jegliche Verantwortung für das Wohnumfeld ab.“ Beispielsweise sind die Folgen monotoner, ungünstiger Wohnbedingungen wie Großwohnsiedlungen, Hochhäuser meist Verwahrlosung, Vandalismus und Fluktuation. Fehlplanungen sind teuer, belasten den Staatshaushalt und damit die Bürger. Dabei könnten bauliche Misserfolge verhindert werden, wenn Psychologen sich vorher in die Wohnbau- und Siedlungsentwürfe eingemischt hätten. Ignorante Architekten interessieren sich jedoch kaum für die Belange ihrer Nutzer, sagt Flade. Wie gebaut und gewohnt wird, bestimmt die Baubranche. Die Immobilie gibt die Raummaße vor. Möbelhersteller liefern dazu die passende Einrichtung. All das geschieht nach Schema F.

Wohnpsychologie ist noch eine junge Wissenschaft und deshalb wenig bekannt. Mit ihrem Sachbuch und Ratgeber schließt die promovierte Diplom-Psychologin Antje Flade eine Lücke, denn sie deckt die Möglichkeiten dieser leider noch etwas unterschätzten Disziplin auf. Ja, auf den ersten Blick erscheint Wohnen fast lächerlich unspektakulär. Beim Lesen wird aber langsam klar, dass es mehr bedeutet als in Etagenwohnung oder Reihenhaus ein Dasein zu fristen. Sondern Wohnen als „engste aller Umwelt-Beziehungen“ ist „lebendig sein“ und erstreckt sich sogar über den Stadtteil hinaus. Der Grundgedanke, dass zwischen dem Menschen mit seiner Umwelt eine Wechselbeziehung besteht, ist universell. Damit grenzt sich die Wohnpsychologin von der ostasiatischen Trendfibel Feng Shui ab. Vieles, so Flade, lasse sich mit wissenschaftlich fundierten Konzepten der Umweltpsychologie, die immer schon die Nutzer und deren funktionale Ansprüche im Auge hatten, überhaupt erst erklären. Flade gelingt es, wissenschaftlich, dennoch verständlich, einschneidende Einflüsse der Wohnumwelt auf die menschliche Seele sichtbar zu machen. Zum Beispiel fühlen sich Bewohner in unsicheren und vernachlässigten Problemgebieten (hohe Kriminalität, herumlungernde Personen auf öffentlichen Plätzen; Schmutz und Müll, Lärm etc.) oft hilflos ihrer eigenen Welt ausgesetzt. Nach der Ästhetik- sowie der Kontrolltheorie sind Graffiti und das Zerstören von Dingen dann Mittel, Einfluss auf die Umwelt auszuüben und ein Versuch, gefühlte Hilflosigkeit auszugleichen. Geschützte Bereiche, Überschaubarkeit und Image-Verbesserung der Gegend wären hier geeignete Ansätze, Gefühle von Unsicherheit zu mindern. Soziale Gründe sprechen auch für die Einbindung der Natur, die als Schutzschild lebensnotwendige Pufferwirkung auf den Menschen hat. Sie entfaltet sich in den eigenen vier Wänden, im selbst gestalteten Garten oder in der angrenzenden Grünanlage, regt das Gemüt an, baut gleichzeitig Stress ab und fördert die Nachbarschaft. Mit kleinen Schwarz-Weiß-Fotos kommt das Buch in der Form etwas nüchtern daher. Und beim brisanten Thema „Privatheit“ („vom Staat immer effizienter überwacht und kontrolliert, ohne dass sich Bürger dessen bewusst sind oder sich dagegen zur Wehr setzen können“) hätte man sich in diesen Zeiten gern mehr Infos gewünscht. Man erfährt dagegen Spannendes über das Wohnen in anderen Epochen und Kulturen, und die Autorin gibt Tipps, wie Planer für die Zukunft bauen können. Individuelle Ansprüche, die sich automatisch mit der Gesellschaft wandeln, müssen dabei stets berücksichtigt werden. Denn Mobilität nimmt zu. Neue Haushaltstypen und Lebensformen bilden sich durch die Kommunikationstechnologie heraus. Menschen aus fremden Ländern mit anderen Vorstellungen vom Wohnen wandern ein. Außerdem beschäftigt sie sich mit den Themen: Was macht es mit einem Menschen, wohnungslos zu sein? Wie lebt es sich gut mit Nachbarn, Haustieren, Älteren und in der Familie? Hier geht sie der wichtigen Frage nach, wie räumliche Enge die Entwicklung von Kindern beeinflusst. Sie fand heraus, dass diese oft verhaltensgestört sind, sich schlechter artikulieren und zwangsläufig in der Schule versagen. Flade sensibilisiert ihre Leser, sich mit dem elementaren Wohnen geistig und seelisch auseinanderzusetzen. Wahrscheinlich gibt es eine Wohnseele, die uns die Richtung zu einem gesunden Wohnumfeld weist. Der Psychologin geht es darum, individuelle Wohn-Wege zu gehen, um ein Stück Heimat zu finden.

Rezension von Barbara Goergen

Zur Person: Antje Flade, Diplom-Psychologin - Angewandte Wohn- und Mobilitätsforschung (AWMF) in Darmstadt